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Die dunkle Seite der Autobahn
Das Gestapo-Lager Oderblick


(xan) Man kennt die Staumeldungen aus Swiecko. Die Autobahnbrücke hinter der Stadt diente nicht nur in "Halbe Treppe" als romantische Kulisse. Schmuggler verbrachten hier ihre Ladungen. Am Ufer ein Fischer. Der BGS patrouilliert wie eh und je. Wer weiß schon, dass unweit von hier Tausende Menschen umgekommen sind, die als Zwangsarbeiter die Autobahn bauten?

Vom Schrecken des Krieges

Die Zahlen sind schnell genannt: im Oktober 1940 wurde aus Bauarbeiter- Baracken das "Arbeitserziehungslager Oderblick" mit einer Kapazität von 400 Häftlingen, die fortan im nahen Kieswerk und zum Bau der Autobahn als Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. Von den stets 800 Insassen, die aus allen Ländern Europas stammten, unter ihnen viele Juden und ab 1942 auch Deutsche, fanden Hunderte den Erschöpfungstod. Im Herbst 1944 fand eine Massenhinrichtung sowjetischer Gefangener statt. Mitte Januar trafen weitere 800 Gefangene aus einem weiteren Lager ein, am 30. Januar 1945 begann ein Todesmarsch derjenigen, die noch laufen konnten. Die verbliebenen Häftlinge, etwa 70, erstickten in den Flammen des brennenden Lagers. Nach Angaben des Lokalhistorikers Horst Joachim, der u.a. die Bücher des Frankfurter Krematoriums ausgewertet hat, wohin die Leichen vieler Opfer transportiert wurden, fanden im Gestapo-Lager über 4000 Menschen den Tod.

Ein verlorener Ort?

Der Ort des Verbrechens hieß nach dem unweiten Dorf Schwetig. Doch nach dem Krieg wurde aus Schwetig Swiecko. Die Zeugen der Verbrechen flüchteten oder sie wurden vertrieben. Die Neuankömmlinge waren weder Zeugen gewesen, noch interessierten sie sich für das Schicksal des Lagers - sie waren mit dem Neuanfang beschäftigt, versuchten ein normales Leben in fremden Häusern zu führen. Frankfurt an der Oder selbst hatte 1945 aufgehört zu existieren. Eine neue, geteilte Stadt entstand. Das sozialistische Frankfurt (Oder) war vom gegenüberliegenden Słubice hermetisch abgeriegelt, noch lange Jahrzehnte sollte der Verlust der Dammvorstadt sowie des halben Umlandes Tabu sein. Die neue Stadt erinnerte sich nicht der Verbrechen, die an ihren alten Rändern verübt worden waren. Der Ort lag im Ausland, in einer terra incognita. So erblickte Horst Joachim noch 1963 die Ruinen des Lagers: von Asche bedeckt und mit Knochen übersät. Erst1977 wurde eine Granitstele errichtet, ein aufgebrochenes Stahlgitter soll eine Befreiung symbolisieren, die nie stattgefunden hat. Als im Februar 2000 in Słubice eine Konferenz zur Geschichte des Lagers abgehalten wurde, führte noch immer kein Wegweiser zum ehemaligen Lager, noch keine Tafel wies auf die Geschichte des Ortes hin. Eine neue Qualität wurde erst erreicht, seit Bewohner des Dorfes Swiecko gemeinsam mit ehemaligen Häftlingen an den Gedenkveranstaltungen teilnahmen. Heute pflegen die Einwohner von Swiecko die Anlage, die dennoch kein fester Bestandteil des gemeinsamen Gedächtnisses von Frankfurt Oder Słubice geworden ist. 27.8.2004

- weitere Informationen zur Geschichte des Lagers finden Sie unter:
www.wsws.org/de/2000/mar2000/swie-m01.shtml