© Ragnar Knittel: Abendstimmung

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Virtuelle Grenzen überwinden -
von Słubice via New York nach Frankfurt surfen.


(xan) Haben Sie einmal versucht, von Słlubice aus auf Ihr deutsches E-Mail-Konto zuzugreifen oder gar gewagt, von Frankfurt aus einen polnischen E-Mail-Account aufzurufen? Sollten Sie sich nicht gerade im internen Netz der Viadrina bewegt haben, das via Richtfunkt und per Staatsvertrag an das Collegium Polonicum und von dort zu den Wohnheimen in der ulica Pilsudskiego geleitet wird, dürften Sie erhebliche Schwierigkeiten gehabt haben. slubice.de & frankfurt.pl sind Fälle bekannt, in denen ein Abruf von Nachrichten über längere Zeit unmöglich war. Das Laden von Internetseiten dauert zum Teil minutenlang. Aber wie kann das sein? Schließlich liegen beide Städte direkt an der Grenze, die längst verbinden sollte.

Zum einen ist das Internet auf polnischer Seite aufgrund des weiterhin großflächig vorherrschenden Monopols der vormals staatlichen Telekomunikacja Polska ein technisches Notstandsgebiet, in dem oft nichts mehr geht, wenn am frühen Morgen die Angestellten kollektiv Ihre Nachrichten abrufen, oder am nachmittag ganze Horden von Schülern sich in das Medium stürzen. Oft werden die Server in den späten Nachtstunden einfach abgestellt, um sie zu warten. Doch der eigentliche Grund ist ein anderer: das Internet ist keine virtuelle Veranstaltung, sondern an materielle Ressourcen gebunden. Zum einen sind dies Server, aber vor allem auch Kabel, durch die die Informationen digital geleitet werden. Dazwischen sind sogenannte Router geschaltet, die je nach Fassungsvermögen der Leitungen entscheiden, welchen Weg die Daten nehmen.

Von diesen Lichtleiterkabel verbinden Deutschland und Polen nur wenige. Das deutsche Datenautobahnnetz, an das die Viadrina angeschlossen ist, endet am Frankfurter Bahnhof — nach Polen reicht es nicht. Bis vor kurzem gab es nur eine große Leitung von Warschau nach Berlin, die vom Polnischen Akademischen Netz betrieben wird. Diese war so stark frequentiert, dass es zur Normalität gehörte, dass die Router für Daten aus Słlubice nicht einmal den Weg via Warschau, Poznan nach Berlin wählten, sondern diese über Gorzow nach Warschau geleitet wurden, von wo sie auf eine weite Reise über Gdansk, Stockholm nach New York ging, die dann wieder zurück über den Atlantik via London, Amsterdam nach Wiesbaden führte, wo die großen deutschen Verbundserver stehen. Von dort ist es nicht mehr weit via Berlin nach Frankfurt (Oder) zu gelangen. Durch diese Umleitung entsteht trotz Lichtgeschwindigkeit eine zeitliche Verzögerung, die dazu führt, das der Datenaustauch mit dem Server auf der anderen Seite der Oder unterbrochen wird, da die Abstände der gegenseitigen Anfragen zu lang sind.

Diese Umstände führten dazu, dass die Anschläge auf das World Trade Center, bei dem auch eine der wichtigsten virtuellen amerikanischen Transatlantikverbindungen zerstört wurde, eine deutliche Verschlechterung der Internetkommunikation zwischen Frankfurt und Słlubice verursachte, da nun nicht einmal mehr der Weg über den Atlantik und zurück reibungslos zu bewältigen war. So korrespondierten diese Internetbarrieren mit den verschärften Grenzkontrollen, die zu mehrstündigen Wartezeiten geführt hatten. 20.6.2002