© Ragnar Knittel: ulica Kopernika

slubice.de & frankfurt.pl konstatiert:

Plakate hin, Plakate her -
in Słubice fehlte eine Litfaßsäule.


(xan) Sie ist wieder da — die bedeutendste Litfaßsäule von Franfurt Oder Słubice . Seit sie Ende vergangenen Jahres während der Bauarbeiten zur Umgestaltung der Zigarettenstraße in eine Fußgängerzone verschwunden war, klaffte eine Lücke an jenem Platz, an dem sowohl Słubicer auf dem Weg nach Frankfurt, als auch zur Viadrina eilende Studenten, sowie Frankfurter unterwegs zum plac Przyjazni vorbeikommen. Ein Ort, an dem drei Straßen aufeinander treffen und zwei Friseursalons, ein Reisebüro, zwei "Drink Bars", ein Kiosk, ein Tante-Emma-Laden sowie eine Apotheke liegen. Doch seit gestern ist sie wieder da — in einem dunklen Grünton angestrichen und mit einer roten Haube versehen. Aus diesem Anlass versendet slubice.de & frankfurt.pl heute einen Text über die "Anzeigensäule" als solche.

Zu den Unterschieden zwischen Frankfurt und Słubice gehört die jeweilige Funktion der Litfaßsäule. Während die runde Werbefläche in Frankfurt eher als Monument einer wenig belebten Kulturlandschaft wahrzunehmen ist, die nicht viele Plakate zu bieten hat, so dass oft weiße Flecken zu sehen sind, ist sie in Słubice Projektionsfläche öffentlichen Lebens — hier sind immer alle Säulen voll von Plakaten, Anschlägen und Annoncen. Egal ob Werbung für einen Lombard, ein Plakat für eine Technoparty, eine Todesanzeige oder Wohnungsannonce — in Słubice darf jeder aufhängen, was er will — die Litfaßsäulen werden zwar von der Stadt verwaltet, aber nicht bewirtschaftet. Dieses Chaosprinzip: "wer zuerst komm, klebt zuerst" hat etwas sehr dynamisches, es ist anregend, demokratisch und überhaupt sehr nützlich: man erfährt sehr schnell von Neuigkeiten, die Litfaßsäule ist so ein öffentlicher Ort, an dem die virtuellen Fäden von Wohnungssuchenden, Trauernden, Geschäftstüchtigen und Kulturschaffenden zusammenlaufen. Während es in Frankfurt, wo viele Litfaßsäulen an den Rändern von Grünanlagen oder Fußwegen stehen, fast altmodisch erscheint, Plakate auf Litfaßsäulen anbringen zu lassen, bieten diese in Słubice, wo sie mitten in Fußgängerpassagen oder direkt an Straßenkreuzungen stehen, die beste Möglichkeit, Informationen quer über die Stadt zu streuen. Das führt allerdings auch dazu, dass immer wieder Mißverständnisse oder gar Konfliktsituationen entstehen. So wurde kürzlich ein Plakat für eine Veranstaltung im Kleist Forum von Plakaten für das Oderfest komplett überklebt, woraufhin eine Gruppierung der polnischen Europaskeptiker eine Aktion startete, die vor der "Okkupation durch Brüssel" warnte. Die Werbung für die Homepage , auf der Antiosterweitungsnachrichten propagiert werden, verdeckte schon am nächsten Tag eine Vielzahl der Plakate, die durch die Europäische Union finanziert wurden. Auch wenn diese Schnelllebigkeit den interessierten Zeitgenossen leicht zur Weißglut treiben kann, handelt es sich immerhin um eine Dynamik — und das in einer Stadt, in der an sich nicht viel passiert. Zumindest auf kulturellem Gebiet gibt es in Słubice weit weniger anzukündigen als in Frankfurt. Dennoch wirkt die Frankfurter Litfaßsäulenlandschaft im Vergleich zu der, die sich am anderen Oderufer erstreckt, wie ausgestorben.

Auffällig ist auch die Scheu vieler Frankfurter Kultureinrichtungen, in Słubice Plakate anzubringen. Warum werden nicht regulär Konzerte, Theateraufführungen, Festivitäten in Polen mitbeworben? Oft ist die Angst, die Grenze zu überschreiten, um mit einem deutschen Plakat nach Polen zu gehen, der Grund. Oft ist es der zusätzlich finanzielle Aufwand, die Plakatierung auf den Weg zu bringen oder gar eine polnische Version der Ankündigung drucken zu lassen. Aber oft ist es auch die geistige Landkarte, auf der Słubice kaum deutliche Umrisse annimt. Selten ist es die Erfahrung: wir haben es probiert, aber niemand ist gekommen. An dieser Stelle sollte man vielleicht bemerken, dass noch wesentlich seltener ein Słubicer Plakat den Weg nach Frankfurt gefunden hat. Die Information, dass man bei der Frankfurter DeutschenStädteMedien GmbH mit einem freundlichen Anschreiben den Erlass von Gebühren erwirken kann, ist scheinbar bisher nicht nach Słubice gedrungen.

Die Litfaßsäule und mit ihr die Außenwerbung ist damit ein öffentlicher Bereich, an dem man sehr genau den Stand der Zusammenarbeit beider Städte und das Wissen übereinander ablesen kann. Die scheinbare Normalität birgt mehr Hürden als die wohl markierte Staatsgrenze. 27.6.2002