© Ragnar Knittel: ulica Kopernika

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Kartenspiel als Therapie -
das Słubicer Sommerloch als Dauerzustand.


m frühen Morgen Männer bei der ersten Flasche billigen Weins. Mütter schieben ruhig Kinderwagen durch die Straßen der Kleinstadt. Kinder spielen unbescholten in grauen Hinterhöfen und auf der Zigarettenstraße. Viele Händler stehen schwitzend im Eingang ihrer Geschäfte, in denen das Sortiment immer kleiner wird. Der Große Markt am Rand der Stadt, wo sich früher die Schleife der Straßenbahnlinie 2 befand, wirkt wie ein Freilichtmuseum. Immer weniger Deutsche nehmen den Weg dorthin auf sich. Die ersten Puffs, die hier Gesellschaftsagenturen heißen, schließen bereits ihre Pforten. Und doch verkaufen die Słubicer noch immer das gleiche wie vor einem halben Jahr, vor zwei Jahren, vor zehn Jahren. Die Stadt nach dem Boom will nicht begreifen, dass die Zeiten des schnellen Geldes vorüber sind. So warten noch immer dutzende Taxifahrer auf Kundschaft. Keiner der über dreihundert Taxifahrer will aufgeben. Wenn es sonst keine Möglichkeit gibt, Geld zu verdienen, lohnt es sich zu warten. Doch die Wartezeiten sind inzwischen so lang geworden, dass an allen drei Taxiständen Tische zum Kartenspielen eingerichtet wurden. In der Runde am Plac Przyjazni, dem alten Taxistand, an dem noch ein Drehscheibentelefon schrillt, wenn es eine Bestellung gibt, füllen die Strichlisten der einzelnen Spiele bereits einen dicken Kalender. Die Striche eilen dem Datum einige Tage voraus. An der Brücke gesellen sich einige Alkoholiker zu den Taxifahrern. Die Bulgaren, die sonst bei jedem Wetter Akkordeon spielen, sind zu einem Ort aufgebrochen, wo sie mehr Geld verdienen können. Selbst das rumänische Ehepaar, das mit gläsernen Schwänen und eingeschweißten Rosen gehandelt hatte, ist verschwunden. Der Bereich des ersten Kontakts mit Polen verfällt hingegen zunehmend zu einer Zone sozialen Elends. Jede Woche treffen in Słubice sonderbare Gestalten ein, um in der Zigarettenstraße und auf der Brücke zu betteln. Sie sprechen ein Polnisch, dass selbst Słubicer kaum verstehen. In diesem Kauderwelsch erklären sie den Passanten ihre soziale Lage und hoffen auf eine Spende, von der sie sich nur wenig später eine Dose Bier besorgen. Um den Markt des Scheibenputzens, der sonst nur am Wochenende bedient wurde, ist ein offener Kampf ausgebrochen. Drogenabhängige Jugendliche verdrängen tagsüber die alkoholisierten Wracks älteren Jahrgangs. Die Stadtwache patrouilliert ständig, und versucht sich weiterhin im Abstrafen von vornehmlich deutschen Falschparkern und —abbiegern zu spezialisieren. Aber auch die Geschäftsinhaber in der neuen Fußgängerzone gehören zu den potentiellen Feinden der Hilfssheriffs — sie müssen ihre Waren nun zu Fuß in die Geschäfte, die meist keinen Hinterausgang besitzen, tragen, da die Anfahrt für Lieferfahrzeuge nicht gestattet ist. Neue Kneipen oder Cafés sind indes seit der Umgestaltung der Zigarettenstraße nicht entstanden. Der Besitzer des Hähnchengrills "Brojlerek" schimpft auf die Stadtverwaltung: "Hier einen Tisch rauszustellen kostet so viel Geld, dass sich das nie im Leben rentiert." In einem Biergarten an der Oder sitzen drei Viadrina-Studenten und klagen: "Es ist hier so unsäglich scheiße, dass man sich nur einbuddeln kann", behaupten sie. "Studieren im Herzen Europas hat damals im Prospekt gestanden, und multikulturelles Flair", meint einer. Sein Kumpel fügt hinzu "Nichts ist hier, aber auch gar nichts". Sie merken nicht, dass sie selbst zum Stadtbild gehören, dass sie ihre eigene Langeweile in die Stadt hineinprojizieren. Sie sehen für sich nach dem Jurastudium genauso wenig eine Perspektive wie sie an der Stadt keine interessanten Seiten finden. Sie sind Fremde, die nicht Teil der Stadt sein wollen, und es doch längst geworden sind. Wie so viele Einwohner von Słubice. Nur die Älteren leben hier gelassen, ohne die Drohgebärden der kahlgeschorenen Halbstarken, ohne die Komplexe der Hineingeborenen und ohne die Schande der hierher Versetzten. Einige ältere Herren stehen unter einem Baum und halten einen Plausch. Ein Mann mit Spazierstock läuft jeden Tag durch die Stadt, um Tauben zu füttern. An den Stellen, wo auf den Bäumen Tauben sitzen, schmeißt er mit einer ruckhaften Bewegung eine Hand voll Korn auf den Fußweg. Er weiß genau, wo es Tauben gibt, und diese scheinen auf ihn schon zu erwarten. Die meisten Taxifahrer am Basar hingegen stehen halb gelangweilt, halb lachend um eine Tonne und spielen Karten. Sie warten auf den nächsten Kunden und auf den morgigen Tag. 21.7.2002