© Ragnar Knittel: Abendstimmung

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Wahre Grenzübertritte II
Auf der Suche nach einem weißen Golf.


(xan) Ich werde nicht zahlen — hier habe ich 1945 im Schützengraben gelegen, erklärt er dem Schaffner im Regionalexpress. Um ihn herum lachen einige junge Männer. Sie halten ihn für verrückt. Doch Dr. Damminger meint es ernst. Er hat im Krieg gekämpft, warum sollte er jetzt eine Fahrkarte lösen. Er scheint diese Diskussion mit dem Schaffner nicht zum ersten Mal zu führen. Er weiß, dass er damit durchkommen wird. Im schlimmsten Falle wartet er in Fürstenwalde auf den nächsten Zug.

Einem Geist gleich dreht er sich herum und erinnert sich: das Auto. Seine Haut wirkt wie Pergament. Seine Worte durchdringen mich: der weiße Golf. Dr. Damminger ist auf der Suche. Er irrt hin und her. Zwischen Berlin und Frankfurt, zwischen Frankfurt und Słubice. Er rollt einen Koffer auf einem Gestell hinter sich her, darin sein ganzes Hab und Gut. Seine Bleibe in Neuberesinchen sucht er nur selten auf. Ich treffe ihn immer wieder: in der Stadt, an der Grenze, auf der Post. Er scheint sich zu erinnern: ja das Auto, nein es sei nicht aufgetaucht, aber er stelle einen Antrag bei der Polizei. Er kenne den Dieb. Wir verabreden uns für den nächsten Tag auf einen Kaffee im Słubicer Casino.

Pünktlich sitzt er im frisch gebügelten Hemd an einem Fensterplatz. Er erzählt von seinem Dienst vor Leningrad in einer Artillerieeinheit auf Schienen, vom Beschuß der belagerten Stadt. Die Rückkehr über Pskov, Orsza, Minsk, Brest. Er ist Biologe, seine Dissertation soll in den fünfziger Jahren bei einem westdeutschen Verlag erschienen sein. Das Auto? Als er zwischenzeitlich keine Wohnung hatte, kam er in Słubice bei einem Deutschen unter, der als Gegenleistung seinen weißen VW zum Schmuggel von Kokain benutzte.

Eines Tages wurde er aus der Wohnung geworfen, der Wagen war fort. Damals begann seine Reise durch Ämter, Polizeistationen, Versicherungsbüros. Sie währt bis heute. Dr. Damminger sitzt lächelnd da — engelsgleich und doch besessen. Wieder kehrt er zu seinem Thema zurück, erklärt, daß er auf der Suche nach seinem Auto sei. Und dass er den Dieb kürzlich in Berlin gesehen habe, aber die Polizei zu spät gekommen war. Das Auto habe er nicht gesehen. Ich weiß nicht, ob es dieses je gab. Seit diesem Treffen bin ich Dr. Damminger nie wieder begegnet. 28.7.2002