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Der Giebel als Markenzeichen -
Słubice von der Seite betrachten.


(xan) Meist betrachtet der interessierte Zeitgenosse die Fassade eines Hauses, um zu verstehen, wann es gebaut wurde, wer hier wohnt, welche Rolle die Straße spielt, in der es steht, und wie die Stadt funktioniert, in der diese liegt. In Słubice lohnt es sich aber den Blick von der Fassade abzuwenden und besonders auf die Giebel zu achten. Diese Hauswände zeugen von vielen charakteristischen Entwicklungen in der einstigen Dammvorstadt. So gibt es hier unverhältnismäßig viele freistehende Giebelwände. Zum einen weil sich dieser Teil Frankfurts erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nachhaltig zu einem urbanen Gebiet entwickelte, sodass von vornherein viele Baulücken bestanden. An vielen Stellen wollte die von der Brücke ausgehende Entwicklung einfach nicht weitergehen. Während einige dörflich geprägte Straßen erhalten geblieben waren, entstanden im ganzen Gebiet der damaligen Vorstadt neue Wohnhäuser, die oft ohne durchgehenden Anschluß an einen Straßenzug gebaut wurden. Eine der prominentesten Baulücken (und mit ihr zwei Giebelwände) besteht noch heute an der Oderpromenade zwischen dem Restaurant Europa und dem benachbarten Haus. Heute wirkt sie wie eine Kriegslücke, aber auf alten Postkarten kann man sie schon vor dem Zweiten Weltkrieg erblicken. Dennoch haben die Kämpfe zum Ende dieses Krieges dreißig Prozent der Bausubstanz der Dammvorstadt zerstört. Somit ist hier weit mehr als im historischen Zentrum Frankfurts erhalten geblieben, aber auch die neu gegründete Stadt Słubice war in den Nachkriegsjahren von Schutt und Abbruch gekennzeichnet. Die interessantesten Giebel aber befinden sich heute entlang der lange nach dem Krieg gebauten Schnellstraße. Diese wurde durch die an der Peripherie gelegene Agglomeration geführt, um sie mit den beiden heutigen Woiwodschaftshauptstädten Zielona Gora und Gorzow zu verbinden. Dabei wurde die historische urbane Struktur, die strahlenförmig von der Brücke ausgehende Gassen und Straßen aufwies zerstört. Der vierspurigen Schnellstraße mußten Ende der 1970er Jahre einige Straßen ganz weichen, an anderen Stellen wurden die alten Verbindungen zur Brücke getrennt. Davon zeugen noch heute einzelne Häuser, die nicht an der jetzigen Straße sondern quer zu ihr stehen. Entsprechend wird die Schnellstraße von einer Reihe von Giebeln gesäumt, die heute wie Denkmäler der alten Stadtstruktur wirken. Anhand ihrer Fassaden kann man die alten Straßenverläufe rekonstrurieren und verstehen, warum z.B. die Fußgängerzone ulica Zeromskiego so weit abseits liegt.

Hier ergeben sich einige wunderbare Ausblicke in die Geschichte der jungen Stadt. Viele der Wände scheinen eine eigene Geschichte zu erzählen. Zum einen zeugt von dieser der Giebel am einstigen Rathaus von Słubice, der wahrscheinlich in Kürze übermalt wird. Er zeigt das Wappen der jungen Stadt in seiner ganzen Pracht: ein halber piastischer Adler (ohne Krone) in der einen Hälfe und in der anderen der Frankfurter Hahn. Das Wappen wurde schon in den vierziger Jahren entwickelt. Ein anderer Entwurf, der damals gleichfalls benutzt wurde, führte noch einen askanischen Adler sowie das im Frankfurter Wappen enthaltene Stadttor. Als in den 60er Jahren der Nationalrat der Stadt die Einführung diesen näher an das Frankfurter Wappen angelehnten Entwurf einführen wollte, und das heutige Wappen vom Eingang des Rathauses abschlug, kam es zu öffentlichen Protesten, nach denen wieder die heute gültige Variante eingeführt wurde.

Eine andere Fassade an der ulica Podchorarzych zeigt eine Friedenstaube, die gleichzeitig eine Hand darstellt, mit der die Oder-Neiße-Grenze gezeichnet wird — geschichtsträchtiges Symbol für die sogenannte Friedensgrenze und ihre Bedeutung für die "wiedergewonnenen Gebiete", in denen die Anerkennung der bestehenden Grenze nach dem Krieg zu einer der zentralen Unsicherheitsfaktoren gehörte — bevor nicht endgültig sicher war, dass diese Gebiete polnisch bleiben, lohnte es kaum, sich hier für längere Zeit einzurichten. Viele Seitenwände einzeln stehender Häuser sind mit recht hilflos wirkenden Graffiti versehen. Nur wenige sind farbig, meist handelt es sich um wenig kunstvoll geschlungene Schriftzüge. In jedem Fall sind sie Zeugnisse der 90er Jahre, einer Zeit der Amerikanisierung von Słubice. Die 70er Jahre dokumentieren mehrere Giebelwände, auf denen Werbung für das Textilbekleidungskombinat KOMEX zu sehen ist. Dieses bestand schon früher, nahm aber erst gegen Ende der 60er Jahre einen Aufschwung. Erst damals wurde Słubice zu einer Stadt, in die Menschen zum arbeiten und leben kamen. Zuvor war Słubice nur Durchgangsstation und Militärbasis. Gleichzeitig war damals zum ersten mal ein Wohnungsmangel zu verzeichnen, sodass bald die ersten Einwohner begannen, sich Dachstühle und Nebengebäude zum Wohnen herzurichten. So gibt es in vielen frei stehenden Wänden einzelne Fenster, die individuell eingesetzt wurden. Ebenfalls in den 90er Jahren wurden viele Fassaden als Großwerbeflächen gestaltet. Die strategisch wichtigsten führen Schriftzüge großer Handels- und Tankstellenkonzerne. Viele andere sind voller Schilder und kleinerer Werbetafeln für in den Hinterhöfen gelegenen Läden, Werkstätten, Büros und Salons. Eine ganz besondere Hauswand kann man Busbahnhof in der ulica Chopina erblicken — hier vermischen sich Geschichte und Gegenwart. So ist auf dem Giebel noch der Stadtplan von Słubice aus den achtziger Jahren aufgetragen. Man erkennt die alten Straßennamen, darunter auch die Uferpromenade ulica Wilhelma Piecka. Weiterhin auffällig ist vergleichbar geringe Anzahl von Hotels und Restaurants, die damals verzeichnet wurden. Über dem bröckelnden Stadtplan hängt ganz oben eine digitale Uhr, die immer die genaue Uhrzeit und die aktuelle Außentemperatur angibt.

Abschließend läßt sich behaupten, dass es in Słubice so viele Giebel gibt, weil die urbane Struktur der Stadt verworren und mehrfach gebrochen ist. Gleichzeitig sind die Giebel interessante Werbeträger der Gegenwart und Zeugnisse der Vergangenheit, weil die Geschichte der Stadt verworren und mehrfach gebrochen ist. 31.7.2002