© Ragnar Knittel: Abendstimmung

slubice.de & frankfurt.pl erzählt:

Wahre Grenzübertritte III
Eine neue Generation wächst heran.


Ein Sommerabend auf dem Parkplatz am westlichen Ende der Zigarettenstraße. Nichts hatte es erwarten lassen, und vielleicht schallte deswegen, für alle anwohnenden Mietpartien vernehmbar, gegen Ende der Auseinandersetzung um 2 Uhr morgens ein entrüstetes "Nie rozumiem tego...!"durch die Ulica Jednosci Robotniczej. Bernd Vogenbeck war für Sie live vor Ort und erzählt die Geschichte von Anfang an:

(vog) Kaum war die Słubicer Fußgängerpromenade in neuem Licht erstrahlt, waren die Anwohner durch freundliche Briefe des Kommandanten der Stadtwache — "zur Wahrung der Lebensqualität und Schönheit unserer Stadt" - zur Meldung etwaiger Blumendiebe aufgefordert, kaum hatten die ersten müden Fußgänger sich auf den steinernen Runden und Rundungen der Blumenbeete zum Verschnaufen gesetzt, begrüßte die Straße auch ihre ersten permanenten Besucher: der unterhalb des Verkehrskreisels befindliche Parkplatz, von polnischen Geschäftsinhabern, deutschen Einkaufstouristen und osteuropäischen Durchreisenden angesteuert, bot und bietet eine vortreffliche Örtlichkeit, dem bisher auf der Brücke praktizierten Ritual des freundlichen aber ungefragten Frontscheibenwischens eine feste Heimstatt zu geben.

Das Prinzip ist einfach: der Prophet geht nicht mehr zum Berg, der Berg kommt zu ihm. Zudem ist der Scheibenputzer nicht mehr darauf angewiesen, dass sich eine ausreichend lange Schlange an der Grenze gebildet hat, bevor er zu Spritzflasche und Chamois-Lappen greift - denn nur dann ist genügend Zeit, gewissenhaft den letzten Flecken vom Frontglas zu schrubbern. Am Parkplatz hingegen besteht zum ersten ein steter Fluss an Autos, zum zweiten stehen diese dort eine längere Zeit. Lange genug, um sowohl vortreffliche Arbeit leisten zu können als auch nach Rückkehr der Autoeigner von Wechselstube, Delikatessen oder Zigarettengeschäft auf deren Wünsche und Vorbehalte in Bezug auf eine etwaige monetäre Gegenleistung eingehen zu können (was zuweilen auch etwas lauter vonstatten gehen kann). Entsprechend begehrt sind Plätze auf den Bänken vor der Stadtbibliothek bzw. auf den steinernen Sitzflächen die das anschließende Grünbeet säumen - von ihnen aus lässt sich der Parkplatz beobachten, und Neuankömmlinge können auf ihre Spendenpotential hin eingeschätzt werden.

Als erster war ein sonnengegerbter Zeitgenosse mittleren Alters mit lichter werdendem Haar, stets eine Tüte über dem rechten Arm, eine Bierdose in der rechten Hand und eine Zigarette in der linken, auf die Idee gekommen, den Ort zu einem Dienstleistungszentrum umzufunktionieren — er hatte also von Beginn an einen Platz sicher. Zu ihm gesellte und gesellt sich von Zeit zu Zeit der ehemalig hauptamtliche Scheibenwischer von der Brücke. Wie sich die Strukturen des Unternehmens in der folgenden Expansionsphase entwickelten ist unklar. Es fing wohl mit Beginn der Schulferien an, dass jugendliche Słubicer sich zu dem alten Mann setzten und ihm auf der Bank vor der Stadtbibliothek Gesellschaft leisteten — zuweilen halfen sie, auf rückkehrende Autofahrer aufmerksam zu machen, zuweilen nahmen sie auch selber Fensterleder und Spritzflasche in die Hand. Wenn der alte Mann andere Termine wahrzunehmen hatte und nicht anwesend sein konnte, übernahmen sie kurzerhand das Geschäft, um Kontinuität zu gewährleisten. Man arbeitete zusammen, und der Name der Straße war wie eine Überschrift: dieses war die Straße der Arbeitereinheit.

Gestern kam es wohl zum Bruch, oder war es etwa keiner? Vielleicht bestand keine Verbindung, vielleicht war der alte Mann zu nachlässig mit seinem Vorrecht verfahren und hatte zu oft in freundlicher Gesinnung anderen seinen angestammten Platz eingeräumt, so das die Auseinandersetzung absehbar war. Vorzeichen für eine solche, so unausweichlich sie — in Retrospektive betrachtet - doch gewesen sein muss, gab es jedoch nicht. Nicht in den vorangegangenen Wochen, nicht in den letzten Nächten, ja selbst am fraglichen gestrigen Abend schien alles vollkommen entspannt. Die jugendliche Fensterputzerfraktion hatte sich am Parkplatz eingefunden, zwei Freundinnen waren noch mitgekommen, ein Kollege mit Auto schaute anfangs vorbei und beschallte bei geöffneten Türen den Platz mit sommernachtswürdigen Rhythmen. Der alte Mann war nicht da, also schien es vollkommen akzeptabel, heute Abend durchreisende und einheimische Parkplatzbesucher mit Spritzflasche und geöffneter Hand willkommen zu heißen.

Gegen halb eins war er dann allerdings doch gekommen, die Spätschicht zu übernehmen. Als er sich zum ersten Auto aufmachen wollte, das eingefahren war, sah er sich mit dem Widerstand der Jüngeren konfrontiert. Zärtlichkeit und Schmeicheln kamen gar nicht in Frage, Beharren auf erarbeitete Rechte schien geboten, der Zeigefinger leicht gekrümmt in pickender Bewegung immer wieder auf den Boden zeigend — "Hier!", "Das hier...!". Das Gegenüber ließ die Brust schwellen, gereckter Hals, erhobenes Haupt, nach hinten geworfene Arme — "Hier bin ich!", die rechte Hand erhob sich von Zeit zu Zeit und gebot dem Alten zu verschwinden: "Da hin!", und "Weiter!". Handgreiflich wurde man nicht, dafür laut. Zum ersten Mal — und das sich die Lautstärke hebt passiert regelmäßig — meldete sich ein Anwohner von einem der Balkone aus. Auf einen der letzten resignierenden Ausrufe des Alten: "Jestem wolny czlowiek!" schallte nur ein "Idz spac!" als antwortendes Echo von einem der oberen Balkone herunter.

Das Feld räumt man nicht so schnell, und so dauerte es noch einige Minuten bis sich der Verstoßene unter zahlreichen Flüchen doch getrollt hatte. Übrigens ist er heute wieder da, abwechselnd an den Parkscheinautomaten gelehnt oder auf einer der Holzbänke sitzend. Was passieren wird, wenn die junge Fraktion sich wieder andient, ist vielleicht die nächste Geschichte. 2.8.2002