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Glocke des Kalten Krieges -
zur Geschichte der Frankfurter Friedensglocke.


Berichten der Märkischen Oderzeitung zufolge soll am Frankfurter Holzmarkt ein neuer Gebäudekomplex entstehen. Um die Fläche für die geplanten Wohnungen, Geschäftsräume und Gastronomieeinrichtungen bebauen zu können, soll die Friedensglocke verschoben werden. Vor kurzem wurde ein Wettbewerb zur Neugestaltung des Gehäuses ausgeschrieben. Nun steht fest: die Glocke soll an der Treppe vor dem Museum Viadrina in eine Konstruktion aus Glas und Metall gehangen werden. Doch was symbolisiert die Glocke eigentlich?

(xan) Die 1953 eingeweihte Friedensglocke gibt vor, Zeugnis der Freundschaft und des Friedens zu sein. In ihr lassen sich aber auch die frühen Züge des Kalten Krieges erkennen, der sich nicht nur später an der innerdeutschen Grenze als Mauer manifestierte, sondern dessen Geist sich gleichsam in den Auseinandersetzungen um die neue deutsche Ostgrenze widerspiegelte. So wurde die heutige Oder-Neisse-Linie von der Deutschen Demokratischen Republik mit dem Görlitzer Abkommen bereits 1950 besiegelt, aber die Bundesrepublik Deutschland verweigerte sich bis zur Wiedervereinigung 1990 einer endgültigen Anerkennung. Die Ostpolitik der Regierung Adenauer spielte mit Revanchismus und Bedrohung. Die Ostgrenze Deutschlands wurde so, verknüpft mit der Frage der Wiedervereinigung, zu einem Kampfgebiet zwischen den verhärteten Fronten. So ist die Glocke des Friedens als symbolische Kampfansage an die bundesdeutsche Ostpolitik zu verstehen. Sie sollte als Gegenentwurf zur West-Berliner Freiheitsglocke "für die Überwindung der Kriegsgefahr wirksam werden". Die Inschrift auf dem später von der Stadt gestifteten Glockenturm spricht für sich: "Der Frieden besiegt den Krieg".

Die Einweihung der Glocke gehörte hingegen zu den frühen Manifestationen deutsch-polnischer Freundschaft, die damals zum Bereich "Völkerfreundschaft" zählte. Zu einem solchen Ritual wurden "unter Teilnahme Hunderter polnischer Freunde" die beiden Nationalhymnen von einem Blasorchester vorgetragen, Reden verlesen und gemeinsam das Weltfriedenslied gesungen. Hinter den Kulissen dieser organisierten Freundschaftsbekundungen waren die Beziehungen zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Volksrepublik Polen stark belastet. Auch wenn es sich offiziell um eine Freundschaft handelte — diese beruhte auf einem kalten Verhältnis, das sich in erster Linie offiziell manifestierte, aber nicht von Einsichtigkeit und Aufeinanderzugehen in den einfachsten Fragen der Zusammenarbeit oder gar von vielfältigen persönlichen Beziehungen geprägt wurde. Es bestanden auf beiden Seiten große Vorbehalte, Ängste und vor allem Unwissen. Diese Mischung kristallisierte sich insbesondere an der neuen Grenze. Es herrschte Unsicherheit, da die örtlichen Funktionäre zum einen kaum Befugnisse im Umgang mit ihrem Gegenüber hatten und zum anderen keiner der Betroffenen genau wußte, ob die Oder-Neisse-Linie tatsächlich bereits unwiderruflich die Grenze zwischen Deutschland und Polen markierte. Jene "Vorläufigkeit" gehörte neben dem Mangel an Kenntnis des Gegenüber zu den Grundvoraussetzungen für die schwierige Überwindung der neuen Grenze als Hindernis zwischen den benachbarten und miteinander verwobenen Volkswirtschaften, Kulturräumen, Landschaften und Städten.

Die Friedensglocke ist dennoch als Monument der Freundschaft und des Friedens in die Geschichte eingegangen, so dass sie noch heute zu wichtigen Kundgebungen geläutet wird. Da aber die ostdeutsche CDU als sozialistische Blockpartei die Glocke aus Anlass ihres 6. Parteitages in Apolda gießen lassen hat, gehört diese seit der Aufnahme der Blockpartei in die bundesdeutsche Union jener Partei, die sich einst ideologisch auf der Zielscheibe der Stifter der Friedensglocke befand. Wenn heute die Glocke zu Anlässen wie dem Gedenktag für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft oder In Gedenken an das Hitler-Attentat geläutet wird, muss zuvor bei der Frankfurter Kreisgruppe der CDU eine Erlaubnis eingeholt werden. 8.8.2002