© Ragnar Knittel: Abendstimmung

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Wahre Grenzübertritte IV
Warum nicht?


(xan) Martin Peters sitzt in der Słubicer "Bar u Zuzanny" und trinkt ein Bier. Wenn einer der anderen Gäste den Sommergarten verläßt, öffnet er die Mülltonne neben sich. Nachdem die Abfälle entsorgt sind, schließt er sie lächelnd. Er hat einen kleinen Bierbauch, eingekleidet hat er sich auf dem Polenmarkt, sein Bart ist rasiert, nur in der Vertiefung zwischen Nase und Unterlippe ist noch schwarzer Flaum zu sehen. Er wirkt wie ein großes Kind. Freundlich erzählt er, daß er aus Magdeburg gekommen sei, um in Słubice einzukaufen. Nach einem schweren Unfall auf der Autobahn habe er mehrere Jahre gelitten. Nun gehe es ihm gut. Er mache jedes Jahr auf Kosten des schuldigen Fahrers eine Rehablitationskur und hat einen Schwerbehindertenausweis. Mit diesem kann er für 60 Euro im Jahr das Gesamtnetz der Deutschen Bahn nutzen. So fährt er mehrmals wöchentlich mit dem Regionalexpress 232 Kilometer von Magdeburg nach Frankfurt (Oder). Schließlich darf er nichts mehr dazu verdienen, da hilft nur Sparen. Auf der drei Stunden langen Fahrt liest er. Vom Bahnhof fährt er mit der Straßenbahn zur "Alten Universität", läuft über die Brücke und von dort begibt er sich entweder zu Fuß auf den Kleinen oder für 60 Cent mit dem Bus zum Großen Basar. Aus Słubice bringt er Backwaren, Obst und Gemüse, Zigaretten, Kleidung und jetzt auch wieder Schulzeug für die Enkelkinder mit nach Hause. Gerne kehrt er vor dem Rückweg in der Stadt noch auf ein Bier ein. Als er gerade sein zweites von der Theke geholt hat, erzählt er stockend, wie er bei seinem ersten Ausflug versuchte, vier Stangen Zigaretten über die Grenze zu schaffen. "Ich wußte ja von nichts", meint er. Seit dem kauft er jedes Mal eine Stange. Auf die Frage, ob sich die Fahrt lohne, antwortet er lächelnd: Ja, warum nicht? 14.8.2002