(xan) Die "Bar u Zuzanny" am Plac Przyjazni, gleich hinter dem einstigen
Słubicer Rathaus ist gar keine Bar. Es handelt sich vielmehr um eine
Schnellimbißstube, die an die volkspolnische Tradition der "Bar Mleczny"
anknüpft. Hier kann man wie in alten Zeiten in rustikalem Interieur
polnische Hausmannskost zu günstigen Preisen genießen. Die inzwischen privat
geführte gastronomische Einrichtung erinnert auch sonst in einigem an die
nicht untergehen wollende Welt der Volksrepublik. Wo kann man sonst noch
erleben, dass die Kellnerinnen bei nahender Kundschaft eine unwirsche Miene
aufsetzen, nur weil diese sie vom Studium ihrer Zeitschrift ablenken könnte?
Welch berührendes Erlebnis, wenn ein Schrei die Gäste durchdringt: "Pirogi
ruskie". Nicht Eingeweihte sitzen wartend im Sommergarten mit Blick auf das
blasse Słubicer Stadtwappen an der Fassade gegenüber. Verwundert nehmen sie
zur Kenntnis, dass erneut ein gellender Schrei nach draußen dringt: "Pirogi
ruskie". Wenn der Gast nun noch immer nicht begriffen hat, dass es sich um
ein Selbstbedienungslokal handelt, wird er spätestens dann darauf gestoßen,
wenn die Tresenkraft nach draußen kommt, um einen der Tische abzuräumen,
dabei aber mit großer Sicherheit nicht das bestellte Gericht serviert.
Dieses steht seit ca. zehn Minuten unangerührt auf der Theke.
Selbstbedienung bleibt Selbstbedienung. Und VR Polen bleibt VR Polen
möchte man meinen. Aber nein. Die Betreiber der Bar haben einen Vertrag mit
einer großen polnischen Brauerei abgeschlossen und sich von dieser einen
eisernen Käfig bauen lassen, um ihre Dienstleistungen auch an der frischen
Luft anbieten zu können. Nun schmücken die gebogenen Zäune, die von einem
gewaltigen roten Zelt überdacht werden, große Embleme der Brauerei und die
Gäste fühlen sich, zwar im Freien, aber doch eingesperrt. Das Gefühl in
einem Käfig zu sitzen ist besonders bemerkenswert an Tagen, da die Pforte
geschlossen ist und man nur von drinnen wie aus dem Inneren einer Hundehütte
in den Zwinger gelangt.
Dennoch gibt es gute Gründe im Selbstbedienungslokal "U Zuzanny" zu speisen:
das Essen ist vorzüglich, die mit Fleisch, Kraut und Pilzen oder Kartoffeln
und Quark gefüllten Teigtaschen werden von Hand zubereitet, die Hamburger
sind gehaltvoller als die der amerikanischen Konkurrenz am anderen Ufer, die
auf Polnisch "Täubchen" genannten Krautwickel schmecken wie in jedem
ordentlich geführten polnischen Haushalt, der Gulasch wird mit richtigem
Rindfleisch gekocht und alles was übrig bleibt, kommt in die Soljanka, die
hier fast so original schmeckt wie in einer ostdeutschen Speisegaststätte.
Bei "Zuzanna" kann man zu jedem Essen einen Krautsalat bestellen und einen
Tee im echt henkellosen Glas trinken. Und wenn mal etwas daneben geht,
stehen Dutzende polnischer Papierservietten bereit: zu einem gleichmäßigen
Fächer sortiert. 16.8.2002
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