© Ragnar Knittel: Promenade

slubice.de & frankfurt.pl wartet:

Das Geheimnis der Selbstbedienung -
bei Zuzanna wie in guten alten Zeiten essen.


(xan) Die "Bar u Zuzanny" am Plac Przyjazni, gleich hinter dem einstigen Słubicer Rathaus ist gar keine Bar. Es handelt sich vielmehr um eine Schnellimbißstube, die an die volkspolnische Tradition der "Bar Mleczny" anknüpft. Hier kann man wie in alten Zeiten in rustikalem Interieur polnische Hausmannskost zu günstigen Preisen genießen. Die inzwischen privat geführte gastronomische Einrichtung erinnert auch sonst in einigem an die nicht untergehen wollende Welt der Volksrepublik. Wo kann man sonst noch erleben, dass die Kellnerinnen bei nahender Kundschaft eine unwirsche Miene aufsetzen, nur weil diese sie vom Studium ihrer Zeitschrift ablenken könnte? Welch berührendes Erlebnis, wenn ein Schrei die Gäste durchdringt: "Pirogi ruskie". Nicht Eingeweihte sitzen wartend im Sommergarten mit Blick auf das blasse Słubicer Stadtwappen an der Fassade gegenüber. Verwundert nehmen sie zur Kenntnis, dass erneut ein gellender Schrei nach draußen dringt: "Pirogi ruskie". Wenn der Gast nun noch immer nicht begriffen hat, dass es sich um ein Selbstbedienungslokal handelt, wird er spätestens dann darauf gestoßen, wenn die Tresenkraft nach draußen kommt, um einen der Tische abzuräumen, dabei aber mit großer Sicherheit nicht das bestellte Gericht serviert. Dieses steht seit ca. zehn Minuten unangerührt auf der Theke. Selbstbedienung bleibt Selbstbedienung. Und VR Polen bleibt VR Polen — möchte man meinen. Aber nein. Die Betreiber der Bar haben einen Vertrag mit einer großen polnischen Brauerei abgeschlossen und sich von dieser einen eisernen Käfig bauen lassen, um ihre Dienstleistungen auch an der frischen Luft anbieten zu können. Nun schmücken die gebogenen Zäune, die von einem gewaltigen roten Zelt überdacht werden, große Embleme der Brauerei und die Gäste fühlen sich, zwar im Freien, aber doch eingesperrt. Das Gefühl in einem Käfig zu sitzen ist besonders bemerkenswert an Tagen, da die Pforte geschlossen ist und man nur von drinnen wie aus dem Inneren einer Hundehütte in den Zwinger gelangt. Dennoch gibt es gute Gründe im Selbstbedienungslokal "U Zuzanny" zu speisen: das Essen ist vorzüglich, die mit Fleisch, Kraut und Pilzen oder Kartoffeln und Quark gefüllten Teigtaschen werden von Hand zubereitet, die Hamburger sind gehaltvoller als die der amerikanischen Konkurrenz am anderen Ufer, die auf Polnisch "Täubchen" genannten Krautwickel schmecken wie in jedem ordentlich geführten polnischen Haushalt, der Gulasch wird mit richtigem Rindfleisch gekocht und alles was übrig bleibt, kommt in die Soljanka, die hier fast so original schmeckt wie in einer ostdeutschen Speisegaststätte. Bei "Zuzanna" kann man zu jedem Essen einen Krautsalat bestellen und einen Tee im echt henkellosen Glas trinken. Und wenn mal etwas daneben geht, stehen Dutzende polnischer Papierservietten bereit: zu einem gleichmäßigen Fächer sortiert. 16.8.2002