© Ragnar Knittel: Brutale Idylle

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"Stachursky" liebt Euch alle -
ein Abend in Ośno.


(xan) Eilends herbeigeholte Bauarbeiter fertigen kurz vor Beginn der 750-Jahr-Feier das Kopfsteinpflaster, das den einstigen Umriss des im Mai 1945 abgebrannten Markplatzes andeutet. 25 Männer mit nacktem Oberkörper:10 stehen, 10 sitzen, 5 klopfen beflissen Seine in den sandigen Boden. Am Rathaus wird derweil eine Bühne für 10.000 Menschen aufgebaut. Musiker proben laut, Lichttechnik aus der Hauptstadt wird installiert.

Langsam füllt sich der Platz, in der kleinen Straße, die von hier abgeht, blicken ältere Frauen aus dem Fenster, in den Höfen sitzen Nachbarn beisammen, vor den Häusern toben Kinder im Staub. Der Direktor der Freiwilligen Feuerwehr läuft in Festtagsuniform über den kleinen Platz, der sich am Ende der Straße befindet. Von hier geht eine Gasse ab, in der das Feuerwehrgebäude aus den 1920er Jahren steht. Dahinter liegt das zeitlose "Kino Baltyk". Eine Straße weiter schlagen wir unser Zelt auf einer Wiese unter Apfelbäumen auf . Zur einen Seite die Stadtmauer, zur anderen die Kirche. Die Anwohner gegenüber bieten uns an, die Fahrräder unterzustellen.

Inzwischen ist der Marktplatz gefüllt. Überall Menschen aus Ośno, vom Zeltplatz am See, aus dem umliegenden Dörfern, aus Słubice. Die Frauen wirken schick bis aufgetakelt, die Männer leger bis runtergekommen. Auf der Bühne müht sich eine Vorband. An den wenigen Bierständen bilden sich Meter lange Schlangen. Wir wählen den Haushaltwarenladen, um zu einem Getränk zu kommen. Der Besitzer hat beschlossen, am heutigen Abend den Umsatz des Jahres zu machen und Dutzende Stiegen und Kästen mit Bier besorgt. Während sich die Schlange nur langsam bewegt, beobachten wir voller Bewunderung die von buntem Plastik geprägten Auslagen. Gerade als wir an der Reihe sind, ist das Kassenband zu Ende. Der Besitzer mit leicht ergrautem Haar und einer übergroßen Brille holt beflissen ein neues. Das Band wird sorgfältig eingelegt, doch das letzte Zahnrad will nicht den Weg zurück finden. Die Neonröhren an der Decke scheinen hell.

Draußen ist inzwischen "Stachursky" mit seiner Profiband angetreten. Der Sänger wirkt wie ein gemeinschaftliches Produkt der Musik- und Kleidungsindustrie. Seine Backgroundsänger tanzen voller Elan. Plötzlich erheben sich grell-bunte Lichter: die Lightshow hat begonnen und nun setzt "Stachursky" mit seiner müden, krächzenden Stimme ein: "Ich bin mit Euch". Das Publikum tobt. Die Liebeslieder des Popstars kennen fast alle auswendig. Ein Mädchen auf der Schulter ihres Vaters singt begeistert "Ohne Ende, ohne Ende, ohne Ende, werde ich mit Dir sein." Ihre Mutter daneben singt beseelt mit. "Stachursky" gröhlt ins Mikro "Ihr seit das beste Publikum im ganzen Lande", und man merkt, dass er das in diesem Sommer nicht zum ersten Mal sagt. Die rockig-popige Musik hat nichts mit Ośno zu tun, aber sie funktioniert. Die Gäste sind entzückt.

Währenddessen halten wir nach etwas Essbaren Ausschau. Die Schlange am Grill bewegt sich nur langsam von zwei Seiten auf den übergewichtigen Verkäufer zu. Doch wir beschließen etwas Geduld für einen frisch gegrillten Schaschlikspieß aufzubringen. Nach einer halben Stunde hat sich die Schlange kaum bewegt, zehn Minuten später fällt der Strom aus. Nun, da wir bereits bis zur Waage aus volkspolnischen Zeiten vorgedrungen sind, weigert sich die Gehilfin des schwitzenden Betreibers, einen Schaschlik zu verkaufen. Ohne Licht kann sie nicht sehen, ob er inzwischen gar ist. Doch letztlich erwerben wir für ein kleines Vermögen zwei Spieße mit je einer sauren Gurke und einer Scheibe Brot.

In diesem Moment fallen die letzten Takte des Konzertes, das Publikum ist begeistert und fordert lautstark eine Zugabe. "Stachursky´s" Musiker spielen ein letztes Mal auf. Der Sänger schreit es heraus: "Ich liebe Euch alle!". Auch die letzte Zugabe geht vorüber und plötzlich strömen Tausende Menschen aus der ehemaligen Altstadt in die umliegenden Siedlungen, Ferienlager und Dörfer. Nachdem sich die Stadt binnen weniger Stunden versammelt hat, löst sie sich nun innerhalb weniger Minuten auf. Auf dem einstigen Marktplatz verbleiben nur angetrunkene, gröhlende Jugendliche und allgegenwärtige Müllberge.

Wir sinken von den Fleisch- und Speckstücken gesättigt in unsere Schlafsäcke und erwachen wenige Stunden später von den Gesängen der ersten Messe in der nahen Kirche. Vor dem Zelt liegen kleine grüne Äpfel. Die Luft ist kühl. Die Glocke läutet drei mal hell und zwei mal dunkel. Wir verlassen die noch schlaftrunkene Stadt. 31.8.2002

- Weitere Informationen zur Geschichte und Gegenwart der Kreisstadt finden Sie unter www.osno.pl.