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Inzwischen ist es schon zur Tradition innerhalb der polnischen
Studentenschaft der Viadrina geworden, sich in den sommerlichen
Semesterferien ins ferne München aufzumachen, um dort Arbeit zu suchen. Gute
Stundenlöhne und normalerweise auch ein hoher Bedarf an Aushilfen machen
München erst ein relativ sicheres Wagnis (die Arbeit wird meist vor Ort
gesucht), dann aber auch zu einem lohnenswerten Ausflug. Normalerweise -
denn dieses Jahr war es mit der Arbeitssuche ein ungemein schwierigeres
Unterfangen. Bernd Vogenbeck beschreibt einen normalen Tag am Biergarten zum
Chinesischen Turm in München.
(vog) Hintergrund: Das wohl berühmteste München-Bild in jedem Reiseführer,
abgesehen von den Türmen der Frauenkirche vor durch Föhnwind scheinbar
nähergerückter Alpenkulisse, ist das des urbayrischen Biergartens. Männer in
Krachlederner und Wadenstrümpfen, den Filzhut mit Gamsbart obenauf, Mass in
der Rechten, die Linke auf dem Oberschenkel den Takt der Blasmusik
mitbestimmend, oder eine Leine haltend an welcher der obligatorische
Modeaccessoire-Vierbeiner zerrt. Die Frau sitzt im Dirndl nebenbei, das
Dirndl lässt mehr modische Freiheit, rangiert zwischen traditionell
cremefarben mit Stickerei oder ganz modern in mauve. Sie übernimmt den Part,
vom Gesprächsthema gelangweilt mit abgezupften Brezenstücken lustlos im
verbliebenen Obazda rumzustochern. Derweil huschen aufgeregte japanische
Touristen durch die Gegend, sich in der Höhle wahren und ursprünglichen
Deutschtums wähnend, alles und vor allem sich selber mit festgefrorenem
Lächeln fotografisch festhaltend. Das Etablissement heißt "Biergarten am
Chinesischen Turm", liegt im Englischen Garten irgendwo inmitten der vielen
Nackerten, und ist unter den Münchner Biergärten zumindest für Touristen und
andere Zug'reiste der Inbegriff des bayrischen Bierhimmels unter freiem
Himmel. Der Himmel ist wohl indes auch das bayrischste an ihm.
Erstes Bild, mit Dame: Hinter einem Stand, an dem Radi und Brezen
feilgeboten werden, sitzt eine polnische Verkäuferin. Radi und Brezen gehen
zu gewissen Uhrzeiten recht gut, dann wieder nicht. Momentan betrachtet sie
gerade das Geschehen auf der Hauptzugangsachse zum zentralen
Biergartenbereich, da kommt ein junger Mann, winkt und ruft ihr zu, gesellt
sich kurz zu ihr. Sie unterhalten sich, die Verkäuferin lässt von Zeit zu
Zeit den Blick über das Geschehen vor dem Stand schweifen, vielleicht möchte
ja jemand etwas kaufen. Dann geht der junge Mann, die polnische Verkäuferin
setzt sich wieder auf den Schemel hinter dem Stand und betrachtet die
schiebende Menge vor ihrem Stand, das Verkaufslächeln parat.
Zweites Bild: Hinter der Biergartenküche verteilt der Chef gerade die
Aufgaben. Wie Kinder um einen alten Mann, der seine Bonbontüte aus der
Manteltasche geholt hat, stehen ein Duzend junge Leute im Kreis und warten
auf die Zuweisung einer Arbeit. Drei sehen asiatisch aus, die anderen nicht.
Sie sprechen polnisch, scherzen miteinander. Anscheinend kennen sie sich.
Auf einmal schnauzt der Chef, erkennbar an der Schürze, am gezückten Stift,
am raunzigen Ton sowieso, "Hier wird deutsch gesprochen!". Betretenes
schweigen. Ist ja ein bayrischer Biergarten.
Drittes Bild: Neben der Mass-Rückgabestelle befindet sich ein Tisch mit
Bänken und einem Schild auf dem "Reserviert!" geschrieben steht. Aushilfen
sind hier unter sich. Man spricht Polnisch, auch ein Slowake mischt sich
ein, man versteht sich bestens. Es geht ums Wetter. Anfang August sah das
noch richtig schlecht aus. Morgens waren immer drei Viadrina-Studentinnen
hier gewesen, die Frage nach Arbeit für den jeweiligen Tag wurde meistens
mit einer Vertröstung auf den Nachmittag beantwortet. Bei gutem Wetter waren
sie wieder da, pünktlich um 16 Uhr, zuweilen früher, zuweilen wartete man
auch gleich die ganze Zeit vor Ort. Der Slowake, der am Getränkestand
arbeitet, reichte immer mal eine halbe Mass Cola raus. Bier ist nur für die
Gäste.
Viertes Bild: Der Lappen ist ausgewaschen, sauber. Feucht liegt er in der
Hand und nimmt die Körperwärme auf. Handwechsel, das wurde zu feuchtwarm.
Die andere Hand ist jetzt frei. Frage: "Kann man das abräumen?", dann greift
die Hand auch schon zielstrebig nach Tellern und Besteck, die achtlos zur
Seite geworfenen Servietten schnell obenauf gelegt. Jetzt die andere Hand,
die mit dem Lappen, sie huscht in geübten Handbewegungen über den Tisch,
alles sauber. Beide Hände tragen das Abgeräumte zur Sammelstelle.
Fünftes Bild: An der Geschirrsammelstelle kommen sie zusammen, die
Abräumerinnen und diejenigen, die das Abgeräumte von den Sammelstellen zur
Waschküche bringen. "Wenig los heute", auf polnisch, die Antwort: "Naja,
zahlt gut.", und dann mit unterdrücktem Lachen "Wir haben Arbeit.". Das ist
ein Insider - die Antwort auf die stets erste Frage die einem heuer in
München von zufällig getroffenen Viadrina-Studenten gestellt wird,
vorzugsweise wird sie bei entgegengesetzter Rolltreppenfahrtrichtung in den
U-Bahn-Katakomben unter dem Marienplatz zugerufen: "Masz prace??".
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