© Ragnar Knittel: Brutale Idylle

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Bier, Himmel, Touristen, Aushilfen –
Bayrische Impressionen.


Inzwischen ist es schon zur Tradition innerhalb der polnischen Studentenschaft der Viadrina geworden, sich in den sommerlichen Semesterferien ins ferne München aufzumachen, um dort Arbeit zu suchen. Gute Stundenlöhne und normalerweise auch ein hoher Bedarf an Aushilfen machen München erst ein relativ sicheres Wagnis (die Arbeit wird meist vor Ort gesucht), dann aber auch zu einem lohnenswerten Ausflug. Normalerweise - denn dieses Jahr war es mit der Arbeitssuche ein ungemein schwierigeres Unterfangen. Bernd Vogenbeck beschreibt einen normalen Tag am Biergarten zum Chinesischen Turm in München.

(vog) Hintergrund: Das wohl berühmteste München-Bild in jedem Reiseführer, abgesehen von den Türmen der Frauenkirche vor durch Föhnwind scheinbar nähergerückter Alpenkulisse, ist das des urbayrischen Biergartens. Männer in Krachlederner und Wadenstrümpfen, den Filzhut mit Gamsbart obenauf, Mass in der Rechten, die Linke auf dem Oberschenkel den Takt der Blasmusik mitbestimmend, oder eine Leine haltend an welcher der obligatorische Modeaccessoire-Vierbeiner zerrt. Die Frau sitzt im Dirndl nebenbei, das Dirndl lässt mehr modische Freiheit, rangiert zwischen traditionell cremefarben mit Stickerei oder ganz modern in mauve. Sie übernimmt den Part, vom Gesprächsthema gelangweilt mit abgezupften Brezenstücken lustlos im verbliebenen Obazda rumzustochern. Derweil huschen aufgeregte japanische Touristen durch die Gegend, sich in der Höhle wahren und ursprünglichen Deutschtums wähnend, alles und vor allem sich selber mit festgefrorenem Lächeln fotografisch festhaltend. Das Etablissement heißt "Biergarten am Chinesischen Turm", liegt im Englischen Garten irgendwo inmitten der vielen Nackerten, und ist unter den Münchner Biergärten zumindest für Touristen und andere Zug'reiste der Inbegriff des bayrischen Bierhimmels unter freiem Himmel. Der Himmel ist wohl indes auch das bayrischste an ihm.

Erstes Bild, mit Dame: Hinter einem Stand, an dem Radi und Brezen feilgeboten werden, sitzt eine polnische Verkäuferin. Radi und Brezen gehen zu gewissen Uhrzeiten recht gut, dann wieder nicht. Momentan betrachtet sie gerade das Geschehen auf der Hauptzugangsachse zum zentralen Biergartenbereich, da kommt ein junger Mann, winkt und ruft ihr zu, gesellt sich kurz zu ihr. Sie unterhalten sich, die Verkäuferin lässt von Zeit zu Zeit den Blick über das Geschehen vor dem Stand schweifen, vielleicht möchte ja jemand etwas kaufen. Dann geht der junge Mann, die polnische Verkäuferin setzt sich wieder auf den Schemel hinter dem Stand und betrachtet die schiebende Menge vor ihrem Stand, das Verkaufslächeln parat.

Zweites Bild: Hinter der Biergartenküche verteilt der Chef gerade die Aufgaben. Wie Kinder um einen alten Mann, der seine Bonbontüte aus der Manteltasche geholt hat, stehen ein Duzend junge Leute im Kreis und warten auf die Zuweisung einer Arbeit. Drei sehen asiatisch aus, die anderen nicht. Sie sprechen polnisch, scherzen miteinander. Anscheinend kennen sie sich. Auf einmal schnauzt der Chef, erkennbar an der Schürze, am gezückten Stift, am raunzigen Ton sowieso, "Hier wird deutsch gesprochen!". Betretenes schweigen. Ist ja ein bayrischer Biergarten.

Drittes Bild: Neben der Mass-Rückgabestelle befindet sich ein Tisch mit Bänken und einem Schild auf dem "Reserviert!" geschrieben steht. Aushilfen sind hier unter sich. Man spricht Polnisch, auch ein Slowake mischt sich ein, man versteht sich bestens. Es geht ums Wetter. Anfang August sah das noch richtig schlecht aus. Morgens waren immer drei Viadrina-Studentinnen hier gewesen, die Frage nach Arbeit für den jeweiligen Tag wurde meistens mit einer Vertröstung auf den Nachmittag beantwortet. Bei gutem Wetter waren sie wieder da, pünktlich um 16 Uhr, zuweilen früher, zuweilen wartete man auch gleich die ganze Zeit vor Ort. Der Slowake, der am Getränkestand arbeitet, reichte immer mal eine halbe Mass Cola raus. Bier ist nur für die Gäste.

Viertes Bild: Der Lappen ist ausgewaschen, sauber. Feucht liegt er in der Hand und nimmt die Körperwärme auf. Handwechsel, das wurde zu feuchtwarm. Die andere Hand ist jetzt frei. Frage: "Kann man das abräumen?", dann greift die Hand auch schon zielstrebig nach Tellern und Besteck, die achtlos zur Seite geworfenen Servietten schnell obenauf gelegt. Jetzt die andere Hand, die mit dem Lappen, sie huscht in geübten Handbewegungen über den Tisch, alles sauber. Beide Hände tragen das Abgeräumte zur Sammelstelle.

Fünftes Bild: An der Geschirrsammelstelle kommen sie zusammen, die Abräumerinnen und diejenigen, die das Abgeräumte von den Sammelstellen zur Waschküche bringen. "Wenig los heute", auf polnisch, die Antwort: "Naja, zahlt gut.", und dann mit unterdrücktem Lachen "Wir haben Arbeit.". Das ist ein Insider - die Antwort auf die stets erste Frage die einem heuer in München von zufällig getroffenen Viadrina-Studenten gestellt wird, vorzugsweise wird sie bei entgegengesetzter Rolltreppenfahrtrichtung in den U-Bahn-Katakomben unter dem Marienplatz zugerufen: "Masz prace??".