© Ragnar Knittel: Promenade

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Wenn das Kollektiv stimmt -
märkisch-mediterrane Küche und die dt.-pl. Jazzkonnektion.


(vog) Das "Gleis 1" liegt mittendrin - im Abseits. Wer am Frankfurter Bahnhof zu- oder aussteigt, beachtet es meistens nicht. Die ausgetretenen Pfade vom Ferdinandsberg oder der Strassenbahnhaltestelle über den neu gestalteten Bahnhofstplatz zur Eingangshalle führen an ihm vorbei. Nur wer Zeit in Frankfurt verbringt sucht die Bahnhofsgaststätte auf. Sie ist für Fremde ein Ort der kurzen Einkehr, sie ist Anlaufpunkt für Reisende zwischen Jacobsdorf und Finkenheerd, Berlin und Moskau.

Mit Vaja Con Dios - gehe mit Gott - wird der Reisende begrüsst, betritt er das Gleis 1 zu später Stunde. Sanfter easy-listening-jazz strömt aus den Lautsprechern, legt sich über rustikale Tische umschlossen von Geländern und halbhoch vertäfelten Wänden, angenehm weiches Licht beruhigt. In der Ecke steht scheinbar abseits ein Klavier aus Nußbaumholz, die Jugendstilintarsien fallen erst bei genauerem Hinsehen auf, beleuchtet von zwei Kerzen. Bis 11 Uhr verweilen noch die Taxifahrer im Gleis 1. Der Kaffee hält noch eine Weile länger wach, das Gespräch mit Kollegen und der Bedienung verkürzt die Wartezeit. Wenn die Taxifahrer gegangen sind werden die Stühle langsam hochgestellt, der Boden gewischt, das Schild von draussen hereingeholt, die Gläser geordnet. Für ein Gespräch hat man stets Zeit. Es ist ruhiger geworden, die Russen fehlen. "Früher war hier mehr los. Da waren hier immer die Russen, und mehr Züge. Da hatten wir auch ganz auf, durchgehend." Draussen ist die Bahnhofsuhr auf 12 Uhr stehengeblieben, die Ampelanlage am anderen Ende des Platzes blinkt. Der Platz ist leer, nur zwei Taxifahrer harren noch aus.

Erst seit einigen Monaten präsentiert sich das Gleis 1 in seinem neuen Gewand. Aus einer einfachen Einkehrmöglichkeit für Reisende ist das "Kultur- und Speiserestaurant Gleis 1" geworden. Nicht nur das Ambiente spiegelt das wieder, die Küche lockt mit geschmackvollen Gerichten zu fairen Preisen. "Bodenständige märkische Küche" garniert mit mediteranen Zwischenspielen - aus polnischer Hand. Der Koch war früher "Tänzer hier im Kleistforum", wie sich die Bedienung verhaspelt. Frau und Kinder sind hiergeblieben, er also auch. Nun kocht er, und vermittelt ganz nebenbei für den Chef. Der Chef wählt immer die Musik aus, und hat auch die Kontakte. Es vermittelt jedoch der Koch. Im Gleis 1 beginnt heute wieder eines der vielen kleinen kulturellen Highlights in Frankfurt. "AKCES", lakonisch mit "Bar-Jazz" untertitelt, macht den Auftakt des Jazzherbst im Gleis 1. Hier kommen sie zusammen: der Chef wählt aus, während der Koch vermittelt, wenn polnische Musiker eingeladen werden. Und der Mann hinter dem Tresen hält an normalen Tagen den Laden in Schwung. "Ich sach ma so, dit Kollektiv stimmt." 12.10.2002

- Das Gleis 1 hat von 5 Uhr bis 1 Uhr geöffnet.