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(vog) Das "Gleis 1" liegt mittendrin - im Abseits. Wer am Frankfurter
Bahnhof zu- oder aussteigt, beachtet es meistens nicht. Die ausgetretenen
Pfade vom Ferdinandsberg oder der Strassenbahnhaltestelle über den neu
gestalteten Bahnhofstplatz zur Eingangshalle führen an ihm vorbei. Nur wer
Zeit in Frankfurt verbringt sucht die Bahnhofsgaststätte auf. Sie ist für
Fremde ein Ort der kurzen Einkehr, sie ist Anlaufpunkt für Reisende zwischen
Jacobsdorf und Finkenheerd, Berlin und Moskau.
Mit Vaja Con Dios - gehe mit Gott - wird der Reisende begrüsst, betritt er
das Gleis 1 zu später Stunde. Sanfter easy-listening-jazz strömt aus den
Lautsprechern, legt sich über rustikale Tische umschlossen von Geländern und
halbhoch vertäfelten Wänden, angenehm weiches Licht beruhigt. In der Ecke
steht scheinbar abseits ein Klavier aus Nußbaumholz, die Jugendstilintarsien
fallen erst bei genauerem Hinsehen auf, beleuchtet von zwei Kerzen.
Bis 11 Uhr verweilen noch die Taxifahrer im Gleis 1. Der Kaffee hält noch
eine Weile länger wach, das Gespräch mit Kollegen und der Bedienung verkürzt
die Wartezeit. Wenn die Taxifahrer gegangen sind werden die Stühle langsam
hochgestellt, der Boden gewischt, das Schild von draussen hereingeholt, die
Gläser geordnet. Für ein Gespräch hat man stets Zeit.
Es ist ruhiger geworden, die Russen fehlen. "Früher war hier mehr los. Da
waren hier immer die Russen, und mehr Züge. Da hatten wir auch ganz auf,
durchgehend." Draussen ist die Bahnhofsuhr auf 12 Uhr stehengeblieben,
die Ampelanlage am anderen Ende des Platzes blinkt. Der Platz ist leer, nur
zwei Taxifahrer harren noch aus.
Erst seit einigen Monaten präsentiert sich das Gleis 1 in seinem neuen
Gewand. Aus einer einfachen Einkehrmöglichkeit für Reisende ist das "Kultur-
und Speiserestaurant Gleis 1" geworden. Nicht nur das Ambiente spiegelt das
wieder, die Küche lockt mit geschmackvollen Gerichten zu fairen Preisen.
"Bodenständige märkische Küche" garniert mit mediteranen Zwischenspielen -
aus polnischer Hand. Der Koch war früher "Tänzer hier im Kleistforum", wie
sich die Bedienung verhaspelt. Frau und Kinder sind hiergeblieben, er also
auch. Nun kocht er, und vermittelt ganz nebenbei für den Chef. Der Chef
wählt immer die Musik aus, und hat auch die Kontakte. Es vermittelt jedoch
der Koch. Im Gleis 1 beginnt heute wieder eines der vielen kleinen kulturellen
Highlights in Frankfurt. "AKCES", lakonisch mit "Bar-Jazz" untertitelt,
macht den Auftakt des Jazzherbst im Gleis 1.
Hier kommen sie zusammen: der Chef wählt aus, während der Koch vermittelt,
wenn polnische Musiker eingeladen werden. Und der Mann hinter dem Tresen
hält an normalen Tagen den Laden in Schwung. "Ich sach ma so,
dit Kollektiv stimmt." 12.10.2002
- Das Gleis 1 hat von 5 Uhr bis 1 Uhr geöffnet.
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