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(xan) Słubice hat eine ganz eigene Form. Sie ist schwer zu erschließen.
Fremde nimmt sie weder auf, noch stößt sie sie ab. Sie ist verschlossen und
offen zugleich. Man muß nur genau hinsehen, um zu bemerken, dass sich die
Stadt wie eine "S" entlang der Oder erstreckt. Wäre dies bekannt, würden
viele Menschen anderer Wege gehen. So läuft man entlang des Flusses einen
großen Bogen, um ans andere Ende von Słubice zu gelangen. Dies liegt zum
einen an der überaus großen Krümmung der Promenade, aber auch daran, dass
es in der alten Dammvorstadt nie einen Kirchturm gab. So konnte man sich zu
keiner Zeit in dem Gewirr aus herrschaftlichen Straßenzügen, engen Gassen
und träge ausfallenden Dorfstraßen gut orientieren. Nach dem großen Krieg
wurde dieses mehrfach gebrochen, neue Häuser entstanden kreuz und quer zu
den alten von der nach Frankfurt führenden Brücke ausgehenden Strahlen. Der
Turm des Schützenhauses wurde zur Spitze der ersten Kirche, erst vierzig
Jahre später entstand eine neue im Norden der nun polnischen Stadt. So ist
es ein Schornstein, der ermöglicht, zu erkennen wie gekrümmt Słubice in sich
ist. Egal wo man sich befindet: am Stadion, an der Brücke, am Rathaus oder
auf dem Plac Przyjazni der Schornstein der Städtischen Energiewerke ist
immer nah. Er steht erhobenen Hauptes an seinem Platz, als versuchte er zu
behaupten, der heimliche Mittelpunkt der Stadt sei die Kleingartensiedlung
zwischen dem vormaligen Schützenhaus und dem Stadion. Vielleicht ist sie dies
tatsächlich noch hat niemand ein Zentrum bestimmt, aber nicht darin liegt
der Grund, warum jener Schornstein für Słubice von Bedeutung ist.
Von hier geht ein Wesen aus, dass die Stadt noch stärker prägt, als ihre
innere Gebrochenheit: das Fernwärmenetz. Es beginnt an jenem Schornstein und
führt durch einen kleinen Wald, über eine Straße hinweg in ein erstes
Neubaugebiet. Von hier verzweigt es sich zu verschiedenen Hochhäusern
überall in der Stadt. Man trifft die mit Mineralwolle und einer Metallhaut
isolierten Rohre vor dem Polizeipräsidium, an Spielplätzen, in Hinterhöfen
mitten in der Stadt. Sie führen vorbei an Garagen, Brunnen, Biergärten und
Kiosken, in denen man Unterwäsche, Waschpulver, Zeitungen und Zigaretten
kaufen kann. Und ein Zweig führte bis vor kurzem direkt auf den Plac
Przyjazni. Zuerst über die Straße, dann durch die parkähnliche Grünanlage,
um letztlich auf geheimnisvolle Art und Weise über dem Eingang eines
Gründerzeithauses in der Wand zu verschwinden.
Nun gehören diese Rohrleitungen der Vergangenheit an. Unlängst haben die
Bauarbeiten zur Umgestaltung des Plac Przyjazni begonnen. Mit Geldern der
Europäischen Union soll der Platz bis zum kommenden Jahr vollkommen neu
gestaltet werden. Damit verändert Słubice sein Gesicht. So wird Słubice
freundlicher, aber die 17.000-Einwohner-Stadt verliert mit den
Fernwäremeleitungen auch ein Teil ihres Charmes. So waren die mitten durch
die Stadt verlaufenden Rohre Inspiration für Künstler, wie den Fotografen
Adam Czernenko, der ihnen eine ganze Serie von Bildern gewidmet hat, in
denen Słubice als geheimnissvolle, nächtliche Metropole von überirdisch
verlaufenden Rohren erscheint. Sie waren Ausdruck für die späte Überwindung
der Zeitweiligkeit der Nachkriegsjahre. Sie zeugen von der späten
Verbesserung der Infrastruktur in einer Stadt, die sich erst vor dreißig
Jahren als Ort zivilen Lebens konstituiert hat. Und gleichzeitig sind sie
ein Monument der Mißachtung gewachsener Strukturen des historischen
Stadtraumes. Aber sie werden immer auch ein Stück Poesie der gebrochenen
Stadt bleiben. Selbst in der Erinnerung.
18.10.2002
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