© Ragnar Knittel: ulica Kopernika

slubice.de & frankfurt.pl bemerkte:

Das Ende der herausragenden Rohre -
Słubicer Fernwärmeleitung verschwindet unter die Erde.


(xan) Słubice hat eine ganz eigene Form. Sie ist schwer zu erschließen. Fremde nimmt sie weder auf, noch stößt sie sie ab. Sie ist verschlossen und offen zugleich. Man muß nur genau hinsehen, um zu bemerken, dass sich die Stadt wie eine "S" entlang der Oder erstreckt. Wäre dies bekannt, würden viele Menschen anderer Wege gehen. So läuft man entlang des Flusses einen großen Bogen, um ans andere Ende von Słubice zu gelangen. Dies liegt zum einen an der überaus großen Krümmung der Promenade, aber auch daran, dass es in der alten Dammvorstadt nie einen Kirchturm gab. So konnte man sich zu keiner Zeit in dem Gewirr aus herrschaftlichen Straßenzügen, engen Gassen und träge ausfallenden Dorfstraßen gut orientieren. Nach dem großen Krieg wurde dieses mehrfach gebrochen, neue Häuser entstanden kreuz und quer zu den alten von der nach Frankfurt führenden Brücke ausgehenden Strahlen. Der Turm des Schützenhauses wurde zur Spitze der ersten Kirche, erst vierzig Jahre später entstand eine neue im Norden der nun polnischen Stadt. So ist es ein Schornstein, der ermöglicht, zu erkennen wie gekrümmt Słubice in sich ist. Egal wo man sich befindet: am Stadion, an der Brücke, am Rathaus oder auf dem Plac Przyjazni — der Schornstein der Städtischen Energiewerke ist immer nah. Er steht erhobenen Hauptes an seinem Platz, als versuchte er zu behaupten, der heimliche Mittelpunkt der Stadt sei die Kleingartensiedlung zwischen dem vormaligen Schützenhaus und dem Stadion. Vielleicht ist sie dies tatsächlich — noch hat niemand ein Zentrum bestimmt, aber nicht darin liegt der Grund, warum jener Schornstein für Słubice von Bedeutung ist.

Von hier geht ein Wesen aus, dass die Stadt noch stärker prägt, als ihre innere Gebrochenheit: das Fernwärmenetz. Es beginnt an jenem Schornstein und führt durch einen kleinen Wald, über eine Straße hinweg in ein erstes Neubaugebiet. Von hier verzweigt es sich zu verschiedenen Hochhäusern überall in der Stadt. Man trifft die mit Mineralwolle und einer Metallhaut isolierten Rohre vor dem Polizeipräsidium, an Spielplätzen, in Hinterhöfen mitten in der Stadt. Sie führen vorbei an Garagen, Brunnen, Biergärten und Kiosken, in denen man Unterwäsche, Waschpulver, Zeitungen und Zigaretten kaufen kann. Und ein Zweig führte bis vor kurzem direkt auf den Plac Przyjazni. Zuerst über die Straße, dann durch die parkähnliche Grünanlage, um letztlich auf geheimnisvolle Art und Weise über dem Eingang eines Gründerzeithauses in der Wand zu verschwinden.

Nun gehören diese Rohrleitungen der Vergangenheit an. Unlängst haben die Bauarbeiten zur Umgestaltung des Plac Przyjazni begonnen. Mit Geldern der Europäischen Union soll der Platz bis zum kommenden Jahr vollkommen neu gestaltet werden. Damit verändert Słubice sein Gesicht. So wird Słubice freundlicher, aber die 17.000-Einwohner-Stadt verliert mit den Fernwäremeleitungen auch ein Teil ihres Charmes. So waren die mitten durch die Stadt verlaufenden Rohre Inspiration für Künstler, wie den Fotografen Adam Czernenko, der ihnen eine ganze Serie von Bildern gewidmet hat, in denen Słubice als geheimnissvolle, nächtliche Metropole von überirdisch verlaufenden Rohren erscheint. Sie waren Ausdruck für die späte Überwindung der Zeitweiligkeit der Nachkriegsjahre. Sie zeugen von der späten Verbesserung der Infrastruktur in einer Stadt, die sich erst vor dreißig Jahren als Ort zivilen Lebens konstituiert hat. Und gleichzeitig sind sie ein Monument der Mißachtung gewachsener Strukturen des historischen Stadtraumes. Aber sie werden immer auch ein Stück Poesie der gebrochenen Stadt bleiben. Selbst in der Erinnerung. 18.10.2002