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(mjh) Mit den Feiertagen an der deutsch-polnischen Grenze ist das so eine Sache.
Bis auf ein paar ganz große gemeinsame christliche Feste werden sie zumeist in
dem einem oder dem anderen Land begangen. Nicht anders ist es Ende Oktober
und Anfang November mit zwei bedeutenden konfessionellen Feiertagen: dem
Reformationstag und Allerheiligen. Das evangelische Fest trennen genau 251,75
Meter vom katholischen: die Stadtbrücke zwischen Frankfurt (Oder) und Słubice.
Der alltägliche Einkauf kennt aber keine Feiertage und keine Grenzen. Es ist
doch so praktisch: feiert Deutschland bzw. Brandenburg, geht man nach
Słubice, feiert Polen, geht man nach Frankfurt. Mittlerweile sind die
Preisunterschiede zwischen beiden Ländern nicht mehr so groß. Und der Weg ist
auch nicht weit - ein kleiner Ausflug ins Nachbarland, verbunden mit einem
netten Spaziergang ist doch viel angenehmer als eine Autofahrt nach Berlin, das,
nebenbei gesagt, weder am Donnerstag noch am Freitag feiert.
Allerheiligen gehört in Polen zu den wichtigsten religiösen Feiertagen, was
der Aussenstehende auch daran merken kann, dass an diesem Tag wirklich kaum
ein Geschäft öffnet - was in dem sonst geschäftigen Leben von Słubice eine
Ausnahmeerscheinung darstellt. Für den 1. November mobilisiert sich die
Polizei im ganzen Land schon Wochen zuvor. Laut Meinungsumfragen bestätigen
fast 90% aller Polen, dass ein Friedhofsbesuch einfach dazu gehört. Und weil
die meisten Friedhöfe am Rande der Stadt liegen, und weil die meisten
Familien auch so mit dem Auto anreisen würden, sind Verkehrsmeldungen der
häufigste Programmpunkt bei allen Radiosendern. Trotz aller Mahnungen und
verstärkter Kontrollen gehören die Tage um den ersten November, besonders
wenn dieser auf ein Wochenende fällt, zu den gefährlichsten auf polnischen Straßen.
Auch wenn der Verkehr fast das bestimmende Thema ist, ist Allerheiligen
durch seinen Trauercharakter etwas ganz Besonderes im liturgischen Kalender.
Es ist es für die Katholiken das, was für die Protestanten Karfreitag oder
der Buß- und Bettag sind - ein ruhiges Fest, an dem Bedrückung manifestiert
wird. Ein Tag, an dem der verstorbenen Nächsten gedacht wird. Aber auch
nationale Trauerorte, etwa das Grab des Unbekannten Soldaten in Warschau,
werden von mehr Leuten besucht als an anderen Tagen. Sonst still und fast menschen-
leer, mit der Ausnahme einiger älterer Frauen, die in jedem Land der Welt wohl zum
Erscheinungsbild eines Friedhofes gehören, verwandeln sich die lokalen
Nekropolen zum Treffpunkt ganzer Gemeinden. Ein Friedhof ist am 1. November
immer meschenüberströmt; es wird geredet, meistens mit gedämpfter Stimme,
Verwandte, die sich nur dieses eine Mal im Jahr treffen, tauschen
Neuigkeiten aus. Blumenhändler machen an diesem Tag das Geschäft des Jahres,
auch wer Kerzen verkauft, kommt zu einem kleinen Vermögen. Schon seit Anfang
Oktober gehören Grablichter zum Sortiment eines jeden Supermarktes - eine
weitere Gelegenheit, mit günstigen Preisen um Kunden zu kämpfen, was in Zeiten
der wirtschaftlichen Krise mehr denn je wichtig ist.
Die Tatsache, dass an diesem Tag die ganze Familie, auch jene, die
normalerweise nichts miteinander zu tun haben wollen, sich an den Gräbern der
Großväter, Tanten, der Cousins, der Mütter und Väter versammeln, bezeugt
ein wichtiges soziales Ritual. Friedhöfe sind Orte der Gemeinschaft. Indem
man das Grab der Vorfahren besucht, erinnert man sich seiner Wurzeln, seiner
Herkunft, seiner Zugehörigkeit zu einem bestimmten Ort. In einer Nation, die
wie kaum eine andere im letzten Jahrhundert, von den Großen dieser Welt hin und
her geschoben wurde, ist Zugehörigkeit ein wichtiger Begriff. Es findet sich
im Westen des Landes kaum eine Familie, die behaupten kann, dass ihre
Wurzeln seit mehr als zwei-drei Generationen an dem Ort sind, wo sie wohnen.
Ein anderes Beispiel ist Warschau, eine Stadt, deren Vorkriegsbevölkerung
zu großen Teilen umgebracht oder vertrieben wurde, so dass seine aktuellen Bewohner zu
Allerheiligen stundenlang die Zu- und Ausfahrtstraßen blockieren, um zu ihren
Familiengräbern in die Regionen um Bialystok oder Kielce zu gelangen.
Andererseits ist Warschau der wichtigste Ort nationalen Gedenkens, mit den
Gräbern berühmter Polen, den Gedenkorten für die Gefallenen des Aufstandes,
mit der "nicht-existierenden Stadt" - dem ehemaligen Ghetto-Gebiet, das
gerade in Roman Polanskis "Pianisten" porträtiert wurde.
Friedhöfe sind Orte, die die Bindung der Menschen an ihre Stadt
manifestieren. Die Städte, in denen sich die Bewohner zu Hause fühlen, sind
auch jene, wo die Friedhöfe am besten gepflegt sind. Und ein Friedhof, auf
dem man jemanden begraben hat, ist auch eine Art Nabelschnur, die an
eine Stadt bindet. So ist ein Grab ein Grund wieder zu kommen, oder sogar zu
bleiben. Nicht selten hört man von älteren Leuten, sie können ihren Ort nicht
verlassen, weil sonst niemand übrig bliebe, der sich um die Gräber
kümmert. Wenn also am Freitag ganz Słubice auf den Weg zum wunderschön gelegenen
Kommunalfriedhof begibt, dann ist dieses auch ein Zeichen, dass diese Menschen
hier endgültig zu Hause sind - alle haben bereits jemanden, dessen Grab sie zu
Allerheilgen besuchen können. 1.11.2002
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