© Ragnar Knittel: ulica Kopernika

slubice.de & frankfurt.pl zeichnete:

Grau in grau -
acht Farbtöne an der Oder gemalt.


(vog) ein grau: Grauen über der Oder. Der Strom und die Großwetterlage. Es graut über der Oder. Der genaue Ort von dem aus das Licht den Tag erobern wird ist noch nicht auszumachen, der spätere Horizont ist noch nicht festgelegt, verharrt zwischen den schwindenden Schatten der Nacht und dem Licht des hereinbrechenden Tages. Der Strom reflektiert das fade Licht eines bedeckten Himmels, klarer jedoch. Zwischen festen Ufern hat das verschwommene Grau von oben als quecksilberner Fluss bereits eine Kontur angenommen. Der Strom ist Spiegel der Großwetterlage, klarer jedoch.

zwei grau: Kopfsteinpflaster. Klaviaturen vergangener Geschichten. Die renovierte Zigarettenstraße wartet auf einen neuen Alltag. Am Tage hetzen Menschen zu ihren Terminen, kehren von ihren Verabredungen zurück, sie unterhalten sich vor den Zigarettenläden, suchen unter den Balkonen Zuflucht. Sie alle haben ihre Gründe hier zu sein, hier entlangzugehen. Sie alle tippen ihre Geschichte mit in die Klaviatur des Kopfsteinpflasters, füllen das eigenschaftslose Grau mit farbigen Erinnerungen und Hoffnungen.

drei grau: Die unfertige Brücke. Bestimmen Sie ihre Lieblingsfarbe! In der Projektierung, in Logos und Corporate-Identity-Entwüfen ist der Brückenbogen farbig: blau und hoffnungsvoll. Noch ist die Brücke grau. Wie altes schwarz/weiß-Fernsehen animiert sie zur ganz eigenen Farbgebung. Jeder Grauton kann eine andere Farbe in der Realität besitzen. Jeder kann sich seine eigene Brücke, so wie sie in der Realität aussehen wird, vorstellen. Die Brücke ist ein Zweckbau, und wird es bleiben. Die Pfeiler auf denen sie steht werden grau bleiben: zweckbestimmt, ohne Aussage. Unbelastet werden sie die Last ihres später blau-gelben Überbaus tragen. Wie europäisch.

vier grau: Grau in Grau. Und dazwischen ein Hoffnungsfenster Die Zollabfertigung schiebt sich, wie die Planke über die Bordwand, zwischen Plattenbauten ans Frankfurter Oderufer. Die nach Deutschland wollen, müssen warten auf der Planke. Sie kommen vor einem Spiegel zum stehen. Sie mustern sich, und der Spiegel scheint sie zu mustern. Ihr doppeltes Bild, eines Fleisch, das andere Lichtspiel, ist gefangen zwischen dem dreckigen Graubraun der Oder und dessen Reflexion an der abweisenden Glaswand der Zollkontrolle. Im Spiegel ist, ganz unten, eine halbkreisförmige Aussparung. Der Wartende blickt abwechselnd in sein eigenes Antlitz, auf die im Hintergrund fließende, fremde und nichtssagende graue Flut, dann wieder auf die Aussparung, das Hoffnungsfenster. Eine unpersönliche Hand reicht den Pass hinaus. Das doppelte Bild verschwindet, wird zu einem: der Wartende hat seinen Pass genommen, er geht durch den Fußgängertunnel hin zum Licht.

fünf grau: Plattenbauten. Was die Platte macht. Und wie man sich eine Platte macht. Über der Halben Stadt thronen die Platten. Schweigsam beobachten sie die Stadt, den Fluß, den Nachbarn. Von hier ist alles zu sehen, selber gesehen wird man nicht. Die graue Fassade lässt in den Hintergrund treten, wie ein nicht wahrgenommener Schatten. Grau lässt ins Abseits schwinden. Der Ton fordert nicht heraus, er wird nicht hinterfragt denn er sagt auch nichts aus. Der Ton Grau ist stumm. Die Größe der Platte macht sie indes bemerkbar, und in ihrer schweigsamen Omnipräsenz bestimmt sie ein Grundgefühl das sich so wenig kommunizieren lässt wie die Platte mit uns kommuniziert. Wir machen uns unsere Platte, mit schweigender Fassade und schmutzigem Inneren. Staub, Dreck, plattgetretene Kippen und verblichene Prospekte verschmutzen die Treppenaufgänge und degradieren sie zur reinen Nutzbarkeit, Risse kriechen die Aussenwände hoch und bedrohen die innere Wärme.

sechs grau: Grauer Putz. Verharren in der eigenen Zeit. Frankfurter durchstreifen Slubice als alte Vorstadt. Slubicer durchmessen sie als eigene Stadt. Beide laufen täglich an ergrauten Häusern vorbei, deren Geschichte verblasst wie der Anstrich der Fassade. Der alte graue Putz unter verblichener Farbe entrückt das Gesehene in eine Zeit in der die Farbe noch keinen Putz durchbrechen ließ. Er verwahrt die ursprüngliche, unterliegende Geschichte welche der Anstrich zu verdecken trachtet. Doch für jeden einzeln. Die Geschichte im Putz ist die Geschichte des Betrachtenden. Mit geschultem Blick erkennt er nur sich selbst.

sieben grau: Die Grauen Männer und ihre Gefährten. Nächtens versammelt sich ein Rudel Taxis und wartet im fahlen Mondschein auf den Tag. Ihre Motoren knurren, sie saufen Hochprozentiges um sich von Innen warm zu halten. Aus den dunklen Schatten der Nacht schlüpfen graue Männer um Elfen in rosa beleuchteten Häusern Zeit zu stehlen. Aufheulende Taxis jagen über die verlassenen Strassen und geleiten sie. Sie stoßen graue Wolken in die erstarrte Luft, treiben Lichtkeile in das Dunkel durch das sie schon bald zurückkehren um am Ufer des Stromes wieder zum Pack zu finden. Sie erwarten das Grauen des Tages, die Zeit der großen Wanderungen.

acht grau: Grau in Grau. In Grau. Nur noch Grau! Benebelte Zustände auf der Brücke. Die Brücke schwimmt in einem weißgrauen Nebelmeer, Laternen markieren sie als Runway ins Unbekannte. An einem Ende erhebt sich in genauer Verlängerung der weißen Mittellinie ein Flutlicht. Suspendiert in der milchigen Suppe sieht das Gebilde aus wie eine extraterrestrische Technopalme: drei symmetrisch angeordnete Lichtfluter gemahnen an verkrüppelte Palmwedel, sie beleuchten am spirrigen Blechstamm hängende Lautsprecher die sich als harmlose Kokosnüsse ausgeben. Da muss Slubice sein, die wärmste Stadt Polens.

Auf der anderen Seite verschlingt ein greller Schlund die Brücke, und erst jetzt fällt auf, daß es gar keine Brücke ist - es ist eine riesige klebrig-nasse Zunge! Sie wird aus dem Schlund herausgefahren um Fliegen zu fangen die noch kurz vorher am Nektar der Palmblüten sich labten. Gierige Lichter verfolgen mich von oberhalb des Schlundes, mich packt das blanke Grauen. Panikartig stürze ich mich in die Fluten der Oder und verschwinde im weißgrauen Dunst. 15.11.2002