© Ragnar Knittel: ulica Kopernika

slubice.de & frankfurt.pl erzält:

Eine Grenze, zwei Studentinnen, 60 Brummies -
eine wahre Weihnachtsgeschichte.


(mjh) Es war einmal eine Stadt, sie hieß Frankfurt. Diese schöne und ruhige Stadt lag an einem Fluß, der Oder hieß, deswegen wurde diese Stadt häufig auch Frankfurt an der Oder genannt. Nun war es so, daß diese Stadt aufgrund einer Entscheidung von drei mächtigen Herrschern, die sich vor langer, langer Zeit in der Residenzstadt des Königs des großen Landes trafen, zu dem auch unser Frankfurt gehörte, auf einmal an der Grenze eines neues Landes lag. Die Bewohner der schönen Stadt konnten sich lange damit nicht abfinden. Sie flüsterten untereinander: als die weisen Könige noch regierten, waren wir noch ein großes Land. Und viele erinnerten sich noch an die Zeiten, als auf dem anderen Ufer des Flusses das ländliche Vorörtchen Dammvorstadt lag, wo die Bewohner der Stadt gerne spazieren gingen, und als man noch am Marktplatz auf die Plattform der Straßenbahn springen konnte und schon wenig später auf der anderen Seite des Flusses war. "Nein", sagten die alten Frankfurter und runzelten die Stirn, "früher war das ganz anders". Selbst die etwas jüngeren Frankfurter dachten mit Wehmut an die Zeiten zurück, als die Stadt etwas isoliert vor sich hin schlummerte. Sie erinnerten sich: sie waren jung, trugen schöne blaue Hemden, sangen Lieder und ab und zu trafen sie Gleichgesinnte aus Kuba, Rußland und Bulgarien. Nur aus dem Nachbarland kamen selten Gäste rüber, aber die Statthalter wußten irgendwie immer, wie man das erklären sollte.

Aber die Zeiten änderten sich; viele meinten, zum Schlechteren. Kaum hat man es gemerkt, wurde die ruhige Stadt Frankfurt zu einem Ort des Kommens und Gehens. Schon da erhoben viele Bürger mahnend den Zeigefinger, aber in Furcht gerieten die meisten erst, als sich herausstellte, daß zugleich mit den Fremden auch bisher in der Stadt ungekannte Gestalten auftauchten, unter ihnen viele Halunken, Beutelschneider und schamlose Weibspersonen. Einigen gefiel das überhaupt nicht, andere wiederum wußten sofort, wer schuldig zu machen sei: "Die Fremden", sagten sie; "die Fremden haben das Unglück herbei geführt. Werfen wir diese Landstreicher aus unserer Stadt". Die Bewohner des schönen Frankfurt hörten nicht auf diese Eiferer, konnten sich aber innerlich nicht mit diesen neuen Umständen anfreunden. Sie sagten sich: "Lassen wir die Fremden passieren. Solange sie unseren Frieden nicht stören, sollen sie doch vor den Toren der Stadt bleiben, und von da weiter ziehen".

Zur gleichen Zeit beschloss der weise Herrscher, in der Stadt Frankfurt eine Universität einzurichten. Auch durch diese Ankömmlinge wurde es laut in der Stadt. Viele runzelten wieder die Stirn, aber nach einiger Zeit sahen alle, dass es gut ist, eine Universität zu haben, und so akzeptierte man sich gegenseitig. Für die Studenten war es anfangs auch nicht leicht. Sie liefen mit offenem Mund durch die Stadt, zeigten auf vieles mit dem Finger und flüsterten untereinander. Aber auch sie haben mit der Zeit gelernt, das Grau der Häuser zu mögen, und beschwerten sich nicht mehr so oft, daß die Wirtshäuser der Stadt nicht so zahlreich und bunt waren wie im fernen Berlin.

Unter diesen Studenten gab es zwei, Eva und Alexandra hießen die Maiden, die nicht vollends zufrieden waren. Sie dachten sich: "Wieso muss das fahrende Volk draußen vor der Stadt bleiben? Wieso schenken wir ihnen nicht ein warmes Lächeln? Wieso erfahren sie nichts von der Stadt?". Da es unter den Studenten von Frankfurt Brauch war, Gedanken schnell in Taten umzusetzen, beschlossen die beiden, ihre Botschaft den Menschen zu verkünden. Viele schauten misstrauisch, aber viele sagten sich: "Das ist doch eine vorzügliche Idee. Wir werden euch dabei helfen!". Zu diesen Unterstützern gehörte nicht nur der Magistrat der Stadt, auch eine Drogerie, eine Brauerei und ein Reifenservice gehörten dazu. Ja, selbst ein Ältestenrat der Studenten sagte sich: "Oho, das finden wir aber toll!". Und so kam die Sache ins Rollen.

Schnell fanden sich andere Studenten, die bereit waren, mit den Fremden zu reden, und ihnen für die Weiterfahrt durch das kalte Osteuropa ein warmes Lächeln zu schenken. So machten sich diese jungen Leute auf den weiten Weg vor die Tore der Stadt. Viele wußten nicht, was sie erwarten und wie die Kutschenfahrer reagieren würden. Sie hatten auch gedacht, daß es in der kalten Jahreszeit, die plötzlich über das ganze Land eingebrochen war, schön wäre, wenn eine andere Gruppe von Studenten, sie nannten sich Unichor, singen würde, oder wenn gar ein paar holde Maiden und stramme Burschen aus der studentischen Salsa-Tanzgruppe tanzen könnten, um die Herzen der Fahrenden zu erwärmen. Und so kam es auch: die Herzen wurden erwärmt durch die beiden Auftritte, die Rachen durch den mitgebrachten Glühwein. Die Reisenden aus solch fremden und fernen Ländern wie Rußland, Litauen, Ukraine und Belarus, zeigten den Studenten ihre Wagen. Diese wiederum schenkten ihnen etwas Kleines zum Andenken an Frankfurt, dann sprachen sie miteinander, sie erzählten von ihren Reisestrapazen und die Studenten fragten sie nach ihrem Zuhause. Die Fahrer freuten sich unheimlich über die Aufmerksamkeit und die Gespräche. Sie guckten mit weit geöffneten Augen die Päckchen an und freuten sich wie Kinder über die Geschenke. Sie wollten gleich etwas zurück schenken und packten die Waren aus, die sie für ihre fremden Länder eingekauft hatten. Aber am meisten freute sie, dass man im kalten Deutschland den Menschen so viel Aufmerksamkeit schenken kann.

Und so geschah es, dass im Jahre Dreizehn der Regierung des Herrschers Demokratie und im Jahre Elf des Bestehens der Universität die Studenten aus fern und nah, die die schöne Stadt Frankfurt ins Herz geschlossen hatten, und die Reisenden aus dem fernen Osten des Kontinents, die vielleicht noch jetzt eine warme Erinnerung an Frankfurt haben, sich ein Stückchen näher kamen. Und weil sie nicht gestorben sind, wiederholten die Studenten die Aktion noch einmal… 15.1.2003