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(mjh) Es war einmal eine Stadt, sie hieß Frankfurt. Diese schöne und ruhige
Stadt lag an einem Fluß, der Oder hieß, deswegen wurde diese Stadt häufig
auch Frankfurt an der Oder genannt.
Nun war es so, daß diese Stadt aufgrund einer Entscheidung von drei
mächtigen Herrschern, die sich vor langer, langer Zeit in der Residenzstadt
des Königs des großen Landes trafen, zu dem auch unser Frankfurt gehörte,
auf einmal an der Grenze eines neues Landes lag. Die Bewohner der schönen
Stadt konnten sich lange damit nicht abfinden. Sie flüsterten untereinander:
als die weisen Könige noch regierten, waren wir noch ein großes Land. Und
viele erinnerten sich noch an die Zeiten, als auf dem anderen Ufer des
Flusses das ländliche Vorörtchen Dammvorstadt lag, wo die Bewohner der Stadt
gerne spazieren gingen, und als man noch am Marktplatz auf die Plattform der
Straßenbahn springen konnte und schon wenig später auf der anderen Seite des
Flusses war. "Nein", sagten die alten Frankfurter und runzelten die Stirn,
"früher war das ganz anders".
Selbst die etwas jüngeren Frankfurter dachten mit Wehmut an die Zeiten
zurück, als die Stadt etwas isoliert vor sich hin schlummerte. Sie
erinnerten sich: sie waren jung, trugen schöne blaue Hemden, sangen Lieder
und ab und zu trafen sie Gleichgesinnte aus Kuba, Rußland und Bulgarien. Nur
aus dem Nachbarland kamen selten Gäste rüber, aber die Statthalter wußten
irgendwie immer, wie man das
erklären sollte.
Aber die Zeiten änderten sich; viele meinten, zum Schlechteren. Kaum hat man
es gemerkt, wurde die ruhige Stadt Frankfurt zu einem Ort des Kommens und
Gehens. Schon da erhoben viele Bürger mahnend den Zeigefinger, aber in
Furcht gerieten die meisten erst, als sich herausstellte, daß zugleich mit
den Fremden auch bisher in der Stadt ungekannte Gestalten auftauchten, unter
ihnen viele Halunken, Beutelschneider und schamlose Weibspersonen. Einigen
gefiel das überhaupt nicht, andere wiederum wußten sofort, wer schuldig zu
machen sei: "Die Fremden", sagten sie; "die Fremden haben das Unglück herbei
geführt. Werfen wir diese Landstreicher aus unserer Stadt". Die Bewohner des
schönen Frankfurt hörten nicht auf diese Eiferer, konnten sich aber
innerlich nicht mit diesen neuen Umständen anfreunden. Sie sagten sich:
"Lassen wir die Fremden passieren. Solange sie unseren Frieden nicht stören,
sollen sie doch vor den Toren der Stadt bleiben, und von da weiter ziehen".
Zur gleichen Zeit beschloss der weise Herrscher, in der Stadt Frankfurt eine
Universität einzurichten. Auch durch diese Ankömmlinge wurde es laut in der
Stadt. Viele runzelten wieder die Stirn, aber nach einiger Zeit sahen alle,
dass es gut ist, eine Universität zu haben, und so akzeptierte man sich
gegenseitig. Für die Studenten war es anfangs auch nicht leicht. Sie liefen
mit offenem Mund durch die
Stadt, zeigten auf vieles mit dem Finger und flüsterten untereinander. Aber
auch sie haben mit der Zeit gelernt, das Grau der Häuser zu mögen, und
beschwerten sich nicht mehr so oft, daß die Wirtshäuser der Stadt nicht so
zahlreich und bunt waren wie im fernen Berlin.
Unter diesen Studenten gab es zwei, Eva und Alexandra hießen die Maiden, die
nicht vollends zufrieden waren. Sie dachten sich: "Wieso muss das fahrende
Volk draußen vor der Stadt bleiben? Wieso schenken wir ihnen nicht ein
warmes Lächeln? Wieso erfahren sie nichts von der Stadt?". Da es unter den
Studenten von Frankfurt Brauch war, Gedanken schnell in Taten umzusetzen,
beschlossen die beiden, ihre Botschaft den Menschen zu verkünden. Viele
schauten misstrauisch, aber viele sagten sich: "Das ist doch eine
vorzügliche Idee. Wir werden euch dabei helfen!". Zu diesen Unterstützern
gehörte nicht nur der Magistrat der Stadt, auch eine Drogerie, eine Brauerei
und ein Reifenservice gehörten dazu. Ja, selbst ein Ältestenrat der
Studenten sagte sich: "Oho, das finden wir aber toll!". Und so kam die Sache
ins Rollen.
Schnell fanden sich andere Studenten, die bereit waren, mit den Fremden zu
reden, und ihnen für die Weiterfahrt durch das kalte Osteuropa ein warmes
Lächeln zu schenken. So machten sich diese jungen Leute auf den weiten Weg
vor die Tore der Stadt. Viele wußten nicht, was sie erwarten und wie die
Kutschenfahrer reagieren würden. Sie hatten auch gedacht, daß es in der
kalten Jahreszeit, die plötzlich über das ganze Land eingebrochen war, schön
wäre, wenn eine andere Gruppe von Studenten, sie nannten sich Unichor,
singen würde, oder wenn gar ein paar holde Maiden und stramme Burschen aus
der studentischen Salsa-Tanzgruppe tanzen könnten, um die Herzen der
Fahrenden zu erwärmen. Und so kam es auch: die Herzen wurden erwärmt durch
die beiden Auftritte, die Rachen durch den mitgebrachten Glühwein. Die
Reisenden aus solch fremden und fernen Ländern wie Rußland, Litauen, Ukraine
und Belarus, zeigten den Studenten ihre Wagen. Diese wiederum schenkten
ihnen etwas
Kleines zum Andenken an Frankfurt, dann sprachen sie miteinander, sie
erzählten von ihren Reisestrapazen und die Studenten fragten sie nach ihrem
Zuhause. Die
Fahrer freuten sich unheimlich über die Aufmerksamkeit und die Gespräche.
Sie guckten mit weit geöffneten Augen die Päckchen an und freuten sich wie
Kinder über
die Geschenke. Sie wollten gleich etwas zurück schenken und packten die
Waren aus, die sie für ihre fremden Länder eingekauft hatten. Aber am
meisten freute sie, dass man im kalten Deutschland den Menschen so viel
Aufmerksamkeit schenken kann.
Und so geschah es, dass im Jahre Dreizehn der Regierung des Herrschers
Demokratie und im Jahre Elf des Bestehens der Universität die Studenten aus
fern und nah, die die schöne Stadt Frankfurt ins Herz geschlossen hatten,
und die Reisenden aus dem fernen Osten des Kontinents, die vielleicht noch
jetzt eine warme Erinnerung an Frankfurt haben, sich ein Stückchen näher
kamen.
Und weil sie nicht gestorben sind, wiederholten die Studenten die Aktion
noch einmal
15.1.2003
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