© Ragnar Knittel: Stadtkulisse mit Frau

slubice.de & frankfurt.pl war dabei:

Weltpremiere von "Lichter" -
mein erstes Mal auf der 53. Berlinale.


(mjh) Einmal Berichterstatter bei einem Filmfestival sein... Einen Film nach dem anderen sehen - ja, das Kino fast nicht mehr verlassen.

Fünf Jahre lang lief die Berlinale an mir vorbei - dabei waren es nur 80 Kilometer bis zu einem der größten Filmfestivals in Europa. Jetzt war ich dabei - nicht ohne Anlass. Schließlich feierte heute der Film "Lichter" von Hans-Christian Schmid Weltpremiere, ein Film der in Frankfurt Oder Slubice gedreht wurde, und der von dem Leben hier handelt. Im Gegensatz zum Kurzfilm "Grenze" oder sogar zu "Halbe Treppe", werden hier Geschichten von beiden Seiten der Oder erzählt. Genauer gesagt 5 Geschichten, um, an und über die Grenze.

12:10 - vor den Treppen zum Saal sammeln sich Journalisten aus aller Welt - in 20 Minuten beginnt die Pressevorführung mit anschließender Pressekonferenz. Überall nur rote Akkreditierungsmarken, nur einige wenige stehen mit normalen Tickets rum. Dann geht's los. Der Saal füllt sich langsam, bis halb ist er voll. Mit 7-minütiger Verspätung beginnt der Film, und schon die erste Überraschung: er wird vertrieben vom Hollywood-Potentaten 20th Century Fox. Aber schon geht's los, erste Szene: eine Gruppe Russischsprachiger steigt aus einem Laster - sie sind auf dem Weg ins Gelobte Land: Berlin, Germania. Was sie nicht wissen ist, dass sie vor Slubice raus gelassen werden, und so müssen sie später enttäuscht vor dem "Slubice"-Schild feststellen: das ist nicht Berlin!

Erzählt werden Geschichten von Menschenschmugglern, Zigarretenschmugglern, Studenten, Taxifahrern, Übersetzern und einem Unternehmer, der sein Glück als "Matratzen-König" sucht. Dieser Herr, ein gewisser Ingo, hat schon mehrmals versucht, in Frankfurt Fuss zu fassen, doch nach einem weiteren Rückschlag ist es er, der voller Wut und Enttäuschung Frankfurt als "scheiss-marode Drecksstadt" bezeichnet. Nein, glücklich ist in diesem Film niemand, enttäuscht sind viele. Das Leben ist kein Zuckerschlecken - das wissen auch die Studentinnen, die sich als "Begleitung" deutscher und polnischer Investoren ihr Geld verdienen müssen. Diese Geschäftsmänner wollen am Oderufer, mitten im Sumpf, eine Textilfabrik bauen - eine ungewollte Anspielung?

Am Ende schaffen es einige, andere nicht: wie im Leben. Aber das Leben an der Grenze, an dieser Grenze, die für die ukrainischen Emigranten sehr real ist, einer Grenze, hinter der im Nebel man schon die Lichter der besseren Welt sehen kann, ja diese Grenze macht niemanden richtig glücklich. Auch nicht Sonja, die als Übersetzerin beim BGS arbeitet und eines Tages zur Überzeugung gelangt, aus moralischer Pflicht einem Ukrainer, der über die Oder geschwommen ist, zu helfen. Selbst der Taxifahrer, gespielt vom polnischen Star Zbigniew Zamachowski, lernt die Grenze vor allem als Ort kennen, wo deutsche Kunden zu finden sind. Es gibt auch lustige Momente im Film, etwa als Sonja ihrem Freund beibringt, statt "Slubitsch", "Slubice" zu sagen. Oder als eine Szene in einem Studentenwohnheim gedreht wird - nur waren die echten Slubicer Wohnheime zu neu, und so musste ein Plattenbau in der ul. Sienkiewicza genutzt werden. Auch einige bekannte Gesichter traten in Erscheinung - Statisten aus der Studierendenschaft. Alles in allem ein sehenswerter Film, der auch einen kurzen Applaus von Seiten der Akkreditierten bekam. Dann ging man über zum Tagesgeschäft, z.B. zur Pressekonferenz mit den Machern. Aber da war ich bereits auf dem Weg in ein anderes Kino, um einen schönen spanisch-kanadischen Film zu sehen. Vom einen Kino ins andere.

Ja, einmal Berichterstatter von einem Filmfestival sein. 11.2.2003