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Prolog
(vog) Pan hatte sein Bewusstsein verloren. Das Handy klingelte auf dem Tresen, als
er betrunken von seinem Barhocker kippte und auf den harten Fliesenfußboden
knallte. Ein fremdes Gesicht im Fernsehbild kommentierte stimmlos das
Vorkommnis von der erhöhten Warte des Fernsehgerätes auf der Wandhalterung,
übertönt von Elton John im Radio, der aber nicht verkündete, er stehe noch
immer.
"Co ma pan?" sprang Holger ihm zur Seite, zupfte an Pans Kragen und
trommelte ihm mit flacher Hand auf die Wange. Pan hatte das Bewusstsein
verloren und klammerte sich jetzt an den kalten Fliesen fest. Basia hustete
hinter dem Tresen ein atemloses "Sein Kumpel. Kommt gleich. Habe angerufen."
heraus in den Gastraum.
Holger hatte ihm schon unter die Arme gegriffen und machte Anstalten, Pan
wieder auf den Hocker zu befördern. Pan wollte nicht und fiel wieder. Er
konnte aber nicht dort liegen bleiben, also zogen, hievten und schleiften
zwei Beistehende mit und verhalfen Pan mit Mühe zu einem Platz im Abseits.
Er fleetzte auf einer Bank in einer der Vierer-Sitznischen, der Tisch stütze
den nach vorne gekippten Oberkörper ab. Pan machte, von der Seite
betrachtet, die Figur eines Fragezeichens. Irgendwann kam der Freund, mit
einem weiteren Freund, sie klammerten Pan zwischen sich ein und schafften
seinen Körper dahin, wovor sein Geist wohl in den Suff flüchten wollte.
Holger
Holger kehrte an die Bar zurück und bestellte Wasser "mit gazowana" bei
Basia, die er heiraten würde. Eine starke Frau, und sie hat eine Wohnung.
Basia hatte einen anstrengenden Tag hinter sich, wußte aber trotzdem sein
Lächeln zu erwidern. Sie wird ihn nicht heiraten, aber eigentlich weiß das
auch Holger. Vielleicht kehrt er deswegen immer noch bei ihr ein.
Holger sagte, er spreche Wasserpolnisch. Früher sprach er besser, aber.
Basia spricht auch Deutsch, sie könnte sich mit Holger unterhalten, und das
wäre das Wichtigste. Eine Frau würde bei ihm nichts zu machen brauchen. Wie
früher, als er die Brötchen selber holen ging und das Frühstück ans Bett
brachte. Auch den Kindern. Die sind jetzt 19 und 24, der Große ist
Theoretiker, der Kleinere Praktiker wie der Vater. Handwerklich begabt.
Gute Jungs beide, und sie rufen jetzt auch öfter an.
Holger bestellte Whiskey-Cola und holte eine flachgedrückte West-25er-
Packung aus der Innentasche seines beigefarbenen Anoraks. Basia stellte das
Glas mit dem Whiskey vor ihn auf den Tresen und schüttete Cola ein, bis er
Signal gab.
Holger wußte nicht zu antworten auf die Frage, wie es war. Wie es gewesen
sein muß. Jeder muß seine eigenen Erfahrungen machen, sagte er. Er hatte
seine Knochen hingehalten für den DDR-Sport, und sich sieben Mal das Bein
gebrochen. Ein Bein ist jetzt dreieinhalb Zentimeter kürzer als das andere,
aber das stört ihn nicht, wie ihn vieles nicht stört.
Er kennt keine Angst, auch nicht vor Basia, sto Procent. Holger lachte und
drückte die halbgerauchte West aus. Nur Spritzen, davor hat er Angst. Davor
ja. Zum Zahnarzt ging er erst, als seine Backe so stark angeschwollen war,
daß seine Fahrgäste komisch guckten. Taxifahrer war er, sieben Jahre lang,
dann wurde es zuviel.
Jetzt ist er für 530 Euro im Monat Hausmeister. In den Westen hätte er gehen
können, aber das ist jetzt zehn Jahre zu spät. Nach der Wende hätte er gehen
sollen, aber damals hat die Frau an seiner Seite gefehlt um den Schritt zu
wagen. Holger schaut rüber zu Basia - nicht, daß sie diese Frau hätte sein
sollen oder sie wäre. Aber Basia ist eine starke Frau, eine Frau eben, mit
der man in den Westen gehen könnte.
Holger ist geblieben, auch wenn Frankfurt tot ist. Frankfurt ist voller
Erinnerungen. Wie Slubice voller Erinnerungen war für seine Tante, die nach
dem Krieg blieb und neu anfing, in der Erinnerung an das Alte. So hat Holger
in Slubice Verwandtschaft, hier lernte er sein Polnisch und hatte auch mal
eine Wohnung. Als man aber die Fenster einschlug, weil ein deutscher Name an
der Tür stand, hat er sie aufgegeben.
Holger hat noch seine Wohnung in Frankfurt, und seine Freunde. Richtige
Freunde, ja, die immer da sind, und mit denen er manchmal ein Bier trinken
geht bei Bechi in der Scharrnstraße, der auf See war und manchmal guten
Freunden davon erzählt. Erinnerungen sind kostbar.
Er
Er hatte das Gedächtnis verloren. Nach einer Hirnhautentzündung erlitt er
eine totale Amnesie. Er fing neu an, lernte das Alphabet als erwachsener
Mann mit seinen Kindern, erarbeitete sich eine neue Welt in der alten. Das
Kämpfen war er gewohnt vom Sport, und auf die Vergangenheit war kein
Verlass.
Man hatte ihn abgeholt. Auf einmal standen sie in der Einfahrt, nahmen ihn
mit und hielten ihn vier Tage lang fest. Als ihn von hinten der erste Schlag
traf, saß er. Er saß auf einem Stuhl, auf dem er sechs Jahre später wieder
Platz nehmen sollte. Es war der selbe Stuhl, vor dem selben Tisch, dem
selben kreischenden Drehsessel gegenüber, in dem sich noch immer der selbe
Mann breit machte wie sechs Jahre zuvor: jetzt Sachbearbeiter im Arbeitsamt.
Die Vergangenheit belastet.
Epilog
Frankfurt ist voller Erinnerungen. Sie haben sich hier festgehalten. Sie
trocknen in Körperflüssigkeiten auf Teppichfußböden in umfunktionierten
Amtsstuben. Sie schwimmen im Bier das Bechi einschenkt und vergraben sich in
Basias Grübchen wenn sie lächelt. Sie wohnen im Haus der Tante hinten
Richtung Stadion raus und knistern unter den Schuhsohlen wie Glassplitter
eingeschlagener Fensterscheiben.
Sie verstummen in dem Moment, wo die Gravitationskraft den Oberkörper
vorkippen lässt und der Schädel auf den harten Fliesen aufprallt.
Holger wußte nicht zu antworten auf die Frage, wie es war. Wie es gewesen
sein muß. Jeder muß seine eigenen Erfahrungen machen, sagte er. 16.2.2003
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