© Ragnar Knittel: Stadtkulisse mit Frau

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Betrachtungen aus der Ferne -
Westend und Eastend.


(xan) Der Streit um die Straßenumbenennungen in Frankfurt und Slubice geht derzeit in ein tragikomisches Stadium über. Der Fakt, dass beide Städte eine Straße nach dem nahen Nachbar benennen wollten, aber nur Slubice sich dazu durchringen konnte, könnte traurig stimmen, wären die Umstände der Entscheidungsfindung nicht allzu lustig. So scheint das Frankfurter Rathaus nach der Ablehnung durch die Stadtverordneten, das kürzere Ende der Rosa-Luxemburg-Straße in Slubicer Straße umzutaufen, in eine tiefe Depression verfallen zu sein. Zuvor wurde in der post-kommunistischen Fraktion die großartige Idee geäußert, das Frankfurter Oderufer in Slubicer Oderpromenade umzubennen. Damit würde nicht nur den Slubicer Bestrebungen, Frankfurt bald eingemeinden zu können, Vorschub geleistet werden. Auch das Programm von slubice.de & frankfurt.pl würde von der Wirklichkeit überholt werden. So berichteten wir bereits im Sommer über eine Postkarte mit "Grüßen aus Slubice", auf der genau jene Frankfurter Uferpassage zu sehen war. Doch ganz im Ernst: die Rosa-Luxemburg-Sraße ist eine äußerst lange Straße und man müßte nicht nur Briefpapier und Strempel von zwei Oberschulen sowie einer Zeitungsredaktion ändern. Vielmehr würde, wie Michael Kurzwelly kürzlich in einem Rundschreiben bemerkte, die symbol-trächtige Marschroute vom Denkmal für die Opfer des Krieges zur vermeintlichen Friedensglocke nicht mehr entlang des roten Pfades führen. Die höhere Aura von Frieden und Gerechtigkeit, die in einigen Kreisen noch immer mit dem Namen Rosa Luxemburgs verbunden zu werden scheint, würde damit empfindlich gestört. Stattdessen schlägt Kurzwelly einen programmatischen Ausweg vor, in Slubice eine ulica Slubfurcka und in Frankfurt eine Slubfurter Straße zu benennen. Der einzige lebende Redakteur für deutsch-polnische Nachbarschaft Dietrich Schröder hingegen schlug im Gespräch vor, eine durchgehende Europa-Straße von Universität zu Universität zu schaffen, in die sich die Europabrücke einreiht. Und beide haben recht - wie verschreckt muss man sein, um Straßen nach einer Stadt zu benennen, von der einen nur 267 Meter trennen. Aber handelt es sich um eine Überdosis Angst vor der Vereinigung der Stadt unter EU-Bedingungen? Oder schlicht ein um Missverständnis? Und wie will Frankfurt eigentlich zum Industriestandort werden, wenn die Stadt noch nicht mal in der Lage ist die Rosa-Luxemburg-Straße in Slubicer Straße umzubennen? Dabei scheint scheint die Zusammenarbeit beider Städte immer enger zu werden. So bleibt mir in London nichts, als den Glauben an die kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung eines Stadtkerns im Laufe dieses Jahrtausends hochzuhalten - auf dass an der Oder eine richtige City entstehe - Slubice wird dann in Westend und Frankfurt in Eastend umbenannt.

- Die polnische Fassung finden Sie unter: frankfurt.pl/teksty/20030224.html.