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(xan) Neben den alltäglichen, gemeinen Methoden Grenzen zu überschreiten,
bietet das Leben eine Vielzahl von Variationen außerordentlicher
Grenzübertritte. Zu diesen gehört inzwischen die Kunst des Aufgebens von
Telegrammen. Sören Urbansky, der derzeit in der Hauptstadt von Tatarstan
studiert, versuchte kürzlich, sich per Telegramm mit der Heimat in
Verbindung zu setzen. Lesen Sie nun exklusiv sein Bericht:
Es ist derzeit unmöglich, von Kasan nach Sebnitz an der
deutsch-tschechischen Grenze zu telegrafieren. Auch in Moskau am
Haupttelegrafenamt an der Twerskaja werden keine Nachrichten
entgegengenommen. Es herrscht Funkstille zwischen Deutschland und Russland.
Wie ist das möglich? Putin und Schröder haben doch unlängst im Hotel
"Europa" in St. Petersburg (nicht Slubice) gemeinsam mit ihrem Kollegen von
der Seine demonstriert, was wahre Freundschaft bedeutet. Weshalb also werden
alle Leitungen gekappt? "Aus Sicherheitsgründen, weil es Krieg im Irak
gibt", antwortet die Schalterfrau des Telegrafen in Kasan. "Wann wieder
telegrafiert werden darf, entscheidet Moskau."
Natürlich, die Leitung verläuft ja über feindliches Gebiet! Wichtige Daten
aus Russlands Zentrum könnten also nicht in Berlin oder Pullach landen,
sondern direkt nach Warschau gelangen. Seit dem angloamerikanischen
Truppenaufmarsch im Zweistromland werden deshalb wieder Brieftauben
eingesetzt, die entweder mit einem Roten Stern oder einem Eisernen Kreuz
versehen das Land des weißen Adlers überfliegen. Heute Morgen landete die
Brieftaube "Alpha Charlie 1634" der deutschen Heeresflieger im Taubenschlag
der 3. Fernmeldedivision "Tartarstan" der Roten Armee, die bei Kasan
stationiert ist, mit folgender Nachricht:
"Genossen Rotarmisten!
An vorderster Front, auf dem Oderdamm in Slubice, genauer am Kopf des
Oderhafens, hat ein Spähtrupp der Bundeswehr eine Werft für Unterseeboote
der polnischen Streitkräfte ausfindig gemacht. Diese befindet sich in einem
rot-weiß gehaltenen Zelt, das als Bierlolkal getarnt ist. Unter der Plane
werden U-Boote der sowjetischen Klasse "Warszawjanka" hergestellt. Wir
warten auf Anweisungen aus Moskau!"
Offenbar sind die Vorsichtsmaßnahmen der Russischen Post berechtigt. Denn
wer hätte vor einem halben Jahr gedacht, daß sich Slubice als ein zweites La
Rochelle entpuppt.
Erst wenn Moskau entschieden hat, darf wieder für 9 Rubel pro Wort nach
Sebnitz und andere Orte in Deutschland telegrafiert werden. Und so lange
achten Sie bitte auf die Tauben!
(Sören Urbansky) 29.4.2003
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