© Ragnar Knittel: Kulisse

slubice.de & frankfurt.pl betrachtet:

Die Stadt als Garten -
zwei Städte im ganzen entdecken.


(xan) Wenn heute der Europagarten offiziell eröffnet wird, beginnt ein Kulturmarathon, wie ihn Frankfurt und Slubice so bald nicht wieder erleben werden. Im Zentrum wird der neu gestaltete Ziegenwerder stehen, auf dem die meisten Veranstaltungen stattfinden. Damit haben die Macher einen Schwerpunkt gewählt und dafür gesorgt, dass dem Konzept der Gartenschau, einer festtäglichen Variante der Blühenden Landschaften, wie sie einst von Helmut Kohl angekündigt wurden, eine Vision der geistigen und kulturellen Entfaltung entgegengesetzt wurde. Die Entscheidung, den Europagarten auf dem Ziegenwerder auszurufen, ist somit ein Schritt in Richtung des gemeinsamen Flusses, aber sie verkörpert auch den Rückzug aus beiden Städten, in denen doch eine Reihe von Infrastrukturprojekten geplant und realisiert wurden. So ist zu hoffen, dass dieser Magnet Besucher an die Oder zieht, von wo sie ausströmen können, um zwei Städte mit einer geteilten Vergangenheit und einer gemeinsamen Zukunft zu entdecken.

Mit dem Eröffnungskonzert der polnischen Sängerin Kayah zum Beispiel werden Hunderte Slubicer zum ersten Mal in ihrem Leben den Ziegenwerder betreten, der bisher genauso wenig auf ihrer mentalen Karte verzeichnet war, wie es die Löweninsel bei den meisten Frankfurtern ist. Ob so viele Frankfurter auch den Weg zu einem der Slubicer Europagartenprojekte finden, ist fraglich. Dabei würde es ausreichen, einen Schritt hinter den noch immer frequentierten Polenmarkt zu gehen. Das einstige Ostmark-Stadion wurde gerade mit EU-Geldern saniert. Einmal am Stadion mit der geheimnisumwitterten Eiche angelangt, ist es ein Muß, den Städtischen Friedhof von Slubice aufzusuchen. Die Rückseite einer alten Mauer des einstigen Dammfriedhofs ist eines der wenigen erhaltenen Zeugnisse der deutschen Vergangenheit von Slubice. Von hier könnte man den Spaziergang hinter dem Stadion durch einen prächtigen Buchenwald fortsetzen, in dem noch die Rinne einer Rodelbahn zu erkennen ist, an die sich viele alte Frankfurter gerne erinnern. Fast genau auf der Kuppe des Hügels kann man die Ruinen des Kleist-Turmes - einst ein beliebtes Ausflugslokal - aufsuchen. Von hier eröffnet sich der Blick auf ein Projekt des Europagartens, das von den Slubicer Organisatoren unauffällig fertig gestellt wurde, ohne es an die große Glocke zu hängen - eine idyllisch gelegene Siedlung für die Neureichen und Prominenten der Stadt. Hier haben sich der amtierende Bürgermeister, der ehemalige Vize-Wojewode und andere einflussreiche Figuren mit EU-Geldern Straßen asphaltieren, Wege pflastern und Gasleitungen legen lassen. Die Grundstücke würden bei dem gemeinen Frankfurter Häuslebauer puren Neid hervorrufen. Aber dieser wird kaum den Weg durch die ulica Sportowa, einst Am Hängebusch, finden, um die von der Stadt abgewandte Siedlung in Augenschein zu nehmen. In dieser Straße kann man nebenbei noch einen Blick auf die Wetterstation werfen, die bis 1998 noch die Informationen über Regen und Sonnenschein für Frankfurt (Oder) lieferte.

Einen ähnlich abwechslungsreichen Spaziergang könnte man auch durch Frankfurt (Oder) unternehmen. Dort sind an wesentlich mehr Stellen im Stadtbild neue Akzente gesetzt worden. Egal ob an der Oderpromenade, in der Bischofstraße, am Anger oder in der Heilbronner Straße - überall künden frisch gepflanzte Bäume, Sträucher und Blumen von einem Garten. So wird es auf dem Ziegenwerder auch ein Treibsandreisebüro geben, das unter anderem historische Stadtspaziergänge durch beide Städte anbietet. Auf dass nicht nur die Besucher von außerhalb Frankfurt Oder Slubice entdecken, Mücken die einzige Naturplage an der Oder sein werden und die Gäste wie Ameisen auf die Insel strömen. 9.5.2003

- Das Wetter an der Oder: www.slubice.de/texte/020531.html
- Ein historischer Stadtführer: www.slubice.de/stadtfuehrer