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Historische Grenzen überwinden -
entlang der Oder spazieren gehen.


(xan) Lesen Sie einen Spaziergang aus dem historischen Stadtführer: Frankfurt Oder Słubice. Sieben Spaziergänge durch die Stadtgeschichte. Der Band ist in der Buchhandlung "Ulrich von Hutten" erhältlich.

Untergang einer Stadt - Neubeginn zweier Städte

Geht man vom Frankfurter Marktplatz in Richtung Oder, hat man kaum das Gefühl, eine der wichtigen alten Verbindungsachsen von Stadtzentrum und Flussufer abzuschreiten. Die Bischofstraße führte einst dicht bebaut direkt zur Oder. Heute liegt sie unscheinbar da und nur eine Illusionsmalerei der Fassade des Bolfrashauses erinnert neben der Marienkirche, dem Rathaus und dem heutigen Kleistmuseum an das Antlitz der untergegangenen Stadt. Blickt man von hier zur Oder hinunter, scheint sie am Rand zu fließen. Das Schwemmland am anderen Ufer liegt wie eine Traumlandschaft weit hinter der Stadt.

Mit dem Kriegsende im Frühjahr 1945 wurde Frankfurt nicht geteilt - es ging unter. Die Stadt zerbrach infolge des verheerenden Brandes der Innenstadt in sich. Ihr altes, gewachsenes Zentrum verschwand und in die zerstörte Stadt kehrten nur wenige der alten Bewohner zurück. Dieses Schicksal ereilte auch die Dammvorstadt. Sie war nun aufgrund einer neuen Grenze, die seit Ende der Kriegshandlungen durch die Stadt führte, vom alten Frankfurt abgeschnitten . Die neue Stadt Frankfurt verlor damit ihr Zentrum im städtebaulichen Sinne, die neue Stadt Slubice war in jeder Hinsicht von diesem abgeschnitten. Der schon vor dem Krieg schwächer entwickelte Stadtteil war nun von fast allen Lebensadern abgetrennt, die ihn zuvor mit dem Westufer verbanden.

Wenn man heute am Holzmarkt steht und die Oder hinab blickt, kann man sich kaum vorstellen, dass die Brücke — damals die 1895 eingeweihte Steinbrücke - in Trümmern lag und mit ihr die Straßenbahnverbindung sowie die Versorgung des östlichen Stadtteiles mit Trinkwasser, Strom und Gas unterbrochen war. Die Kanalisation, vor dem Krieg an das Frankfurter Netz angeschlossen, endete nun in der Oder. Doch auch Frankfurt war vom Niedergang gezeichnet. Beide Städte gründeten sich damals neu: die eine auf den Trümmern des alten Zentrums, die andere abseits davon, getrennt von diesem durch die Grenze - eine noch offene Wunde des Zweiten Weltkriegs, die schon bald zu einer Narbe des Kalten Krieges wurde. So war Slubice von Anfang an nicht an die Eisenbahn angeschlossen, die nächste Station lag in Rypin, zuvor Reppen, heute Rzepin, 22 Kilometer hinter der Stadt. Von dort kam noch im April 1945 eine Delegation zu Fuß nach Slubice, um hier eine polnische Verwaltung aufzubauen.

Glocke des Kalten Krieges

Wenn wir uns nun vom Ufer zur 1953 eingeweihten Friedensglocke wenden, stehen wir vor einem Monument das vorgibt Zeugnis der Freundschaft und des Friedens zu sein. In ihm lassen sich aber auch die frühen Züge des Kalten Krieges erkennen, der sich nicht nur später an der innerdeutschen Grenze als Mauer manifestierte, sondern dessen Geist sich gleichsam in den Auseinandersetzungen um die neue deutsche Ostgrenze widerspiegelte. So wurde die heutige Oder-Neisse-Linie von der Deutschen Demokratischen Republik mit dem Görlitzer Abkommen bereits 1950 besiegelt, aber die Bundesrepublik Deutschland verweigerte sich bis zur Wiedervereinigung 1990 einer endgültigen Anerkennung. Die Ostpolitik der Regierung Adenauer spielte mit Revanchismus und Bedrohung. Die Ostgrenze Deutschlands wurde so, verknüpft mit der Frage der Wiedervereinigung, zu einem Kampfgebiet zwischen den verhärteten Fronten. So ist die Glocke des Friedens als symbolische Kampfansage an die bundesdeutsche Ostpolitik zu verstehen. Sie sollte als Gegenentwurf zur West-Berliner Freiheitsglocke "für die Überwindung der Kriegsgefahr wirksam werden". Die Inschrift auf dem später von der Stadt gestifteten Glockenturm spricht für sich: "Der Frieden besiegt den Krieg". Die Einweihung der Glocke gehörte hingegen zu den frühen Manifestationen deutsch-polnischer Freundschaft, die damals in den Bereich "Völkerfreundschaft" gehörte. Zu einem solchen Ritual wurden "unter Teilnahme Hunderter polnischer Freunde" die beiden Nationalhymnen von einem Blasorchester vorgetragen, Reden verlesen und gemeinsam das Weltfriedenslied gesungen. Hinter den Kulissen dieser organisierten Freundschaftsbekundungen waren die Beziehungen zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Volksrepublik Polen stark belastet. Auch wenn es sich offiziell um eine Freundschaft handelte — diese beruhte auf einem kalten Verhältnis, das sich in erster Linie offiziell manifestierte, aber nicht von Einsichtigkeit und Aufeinanderzugehen in den einfachsten Fragen der Zusammenarbeit oder gar von vielfältigen persönlichen Beziehungen geprägt wurde. Es bestanden auf beiden Seiten große Vorbehalte, Ängste und vor allem Unwissen. Diese Mischung kristallisierte sich insbesondere an der neuen Grenze. Es herrschte Unsicherheit, da die örtlichen Funktionäre zum einen kaum Befugnisse im Umgang mit ihrem Gegenüber hatten und zum anderen keiner der Betroffenen genau wußte, ob die Oder-Neisse-Linie tatsächlich bereits unwiderruflich die Grenze zwischen Deutschland und Polen markierte. Jene "Vorläufigkeit" gehörte neben dem Mangel an Kenntnis des Gegenüber zu den Grundvoraussetzungen für die schwierige Überwindung der neuen Grenze als Hindernis zwischen den benachbarten und miteinander verwobenen Volkswirtschaften, Kulturräumen, Landschaften und Städten. Die Friedensglocke ist dennoch als Monument der Freundschaft und des Friedens in die Geschichte eingegangen, so dass sie noch heute zu wichtigen Friedenskundgebungen geläutet wird. Da aber die ostdeutsche CDU als sozialistische Blockpartei die Glocke aus Anlass ihres 6. Parteitages Klangkörper in Apolda gießen lassen hat, gehört diese seit der Aufnahme der Blockpartei in die bundesdeutsche Union jener Partei, die sich einst ideologisch auf der Zielscheibe der Stifter der Friedensglocke befand. Wenn heute die Glocke zu Anlässen wie dem Gedenktag für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft geläutet wird, muss zuvor bei der Frankfurter Kreisgruppe der CDU eine Erlaubnis eingeholt werden. Im Rahmen der Sanierung der "ehemaligen Altstadt" soll an Stelle der Glocke ein neuer Gebäudekomplex entstehen, so dass die drei Tonnen schwere Glocke an einen anderen Ort verschoben wird

Der Fluss verbindet und teilt

Wenn wir nun weiter entlang der Oderpromenade in Richtung Stadtbrücke gehen, können wir vor dem einstigen Junkerhaus ein Denkmal aus einer ganz anderen Zeit entdecken. Auf der von den Gronefelder Keramikwerkstätten gefertigten Skulptur ist neben der Silhouette Frankfurts vor allem die Oder zu erkennen, deren Pegel langsam steigt, bis sie über die Ufer tritt und sich über das ganze Land ergießt. Damit erinnert das Werk an die Flutkatastrophe, die den Fluss und mit ihm die Region 1997 ins Bewußtsein der gesamtdeutschen und europäischen Öffentlichkeit rief. Damals kämpften Deutsche und Polen gemeinsam gegen die Flut. Während das Wasser in Frankfurt bereits über die Ufer getreten war und den Uferbereich überschwemmt hatte, war S_ubice evakuiert und harrte einer Veränderung des Wasserpegels: Hätte der Deich nicht standgehalten, wäre die ganze Stadt überschwemmt worden. Damals wurde besonders deutlich, dass der Fluss sowohl trennt als auch verbindet. So wurden die Hochwasserschutzprogramme von Deutschland, Polen und Tschechien zuvor nur mangelhaft koordiniert. Die Systeme zur Erhebung von geohydrologischen Daten waren nicht aufeinander abgestimmt und die bereits in den 1960er und 1970er Jahre unternommenen Versuche, Absprachen zu treffen, stellten sich als unzureichend heraus. Mit dem Unglück der Jahrtausendflut rückte aber der Fluss selbst wieder in den Mittelpunkt der Betrachtungen. Zuvor führte er über Jahrzehnte ein Randdasein. Durch die Grenzziehung in der Mitte des Flusses waren zwar beide Länder für das Schicksal des Flussbettes verantwortlich, aber die meisten Orte entwickelten sich aufgrund des hermetischen Charakters der Grenze und dem städtebaulichen Wandel der Innenstädte von der Oder weg. Während sich die Städte zu Beginn des neuen Jahrtausends mit der Umgestaltung der Uferbereiche im Rahmen der Festlichkeiten zur 750-Jahr-Feier einer Hinwendung zum Fluss verschrieben haben, lag dieser jahrelang im Abseits.

Einige Hundert Meter von hier in Richtung Brücke, gleich hinter dem Backsteingebäude, in dem sich heute ein Restaurant mit Brauerei befindet, können Sie an einem kleinen Gebäude den aktuellen Pegelstand der Oder sowie die Luft- und Wassertemperaturen ablesen. Dabei ist davon auszugehen, dass auf der polnischen Seite fast der gleiche Wasserstand sowie die gleiche Temperatur zu messen sind — die Oder hält sich ähnlich dem Wetter kaum an Staatsgrenzen.

Die Brücke als Symbol.

Betrachten wir vom hiesigen Ufer aus noch einmal genau die Brücke. Sie wurde im Jahre 2002 parallel zu der 1952 errichteten Stadtbrücke fertig gestellt und dann an deren Stelle gerückt. Sie steht auf neu errichteten Pfeilern, nur das Widerlager auf der deutschen Seite ruht noch an dem Ort, an dem schon die Ende des 19. Jahrhunderts errichtete Steinbrücke begann. Bemerkenswert an der neuen Brücke ist neben der wesentlich geringeren Zahl von Pfeilern - die Stadtbrücke aus der Nachkriegszeit hatte mit sieben Pfeilern bereits einen weniger als ihre Vorgängerin — vor allem der Bogen, der den Pfeiler am deutschen Ufer mit dem Pfeiler in der Flussmitte verbindet. Dieser Bogen ist, obwohl ingenieurtechnisch kaum vonnöten, an das Antlitz der alten Oderbrücke von 1952 angelehnt, die auch "Brücke der Freundschaft" genannt wurde. Diese besaß ebenfalls einen charakteristischen Stahlbogen, der im Laufe der Jahre zum Symbol von Frankfurt als "Brückenstadt", als "Tor zum Osten" und "Stadt der Begegnung" wurde. So bezogen sich eine Vielzahl von Initiativen und Institutionen, die sich in den 1990er Jahren in der Oderstadt gegründet hatten, explizit auf die Brücke mit jenem Bogen als Symbol. Zu ihnen gehören an erster Stelle die Europa-Universität Viadrina, die den Bogen in ihrem Logo aufgriff, der Verein Frankfurter Brücke und auch Studenteninitativen wie Spotkanie - die Begegnung. So wurde bei der Ausschreibung des Brückenneubaus die Beibehaltung der Bogenform favorisiert. Dabei entsprang diese Form zu Beginn der 1950er Jahre der Not - die Brücke sollte innerhalb kürzester Zeit fertig gestellt werden, die nötige Menge Stahl, um den Abstand zwischen den beiden Pfeilern zu überbrücken, war aber unter keinen Umständen zu organisieren. So musste auf zwei Eisenbahnbrückenteile zurückgegriffen werden, die notdürftig verbunden und mit Beton ausgegossen wurden. Zur Stabilisierung wurde der Bogen angeschweißt.

Eine Teilung der Innenstadt

Die Ausführung der damaligen Brücke in Stahlbeton und die Forderungen seitens der Schifffahrt, eine lichte Durchfahrtshöhe von 4,50 m zu sichern, brachte auch eine Erhöhung der Fahrbahn von 3 m mit sich, was auf der Frankfurter Seite eine bedeutende Anrampung notwendig werden ließ. Die Folgen sind noch heute im Stadtbild Frankfurts spürbar. Um sie zu betrachten, verlassen wir das Oderufer und begeben uns durch die Brücktorstraße, deren Namen vom Standort der letzten Holzbrücke im 19. Jahrhundert zeugt, in Richtung Rosa-Luxemburg-Straße. (6) Auf Höhe der Großen Oderstraße können wir die Folge der Anrampung in vollem Ausmaß betrachten: Die Straße, die einst durchgängig war, endet nun in einer Sackgasse. Nur über einen Aufgang links des Hauses, das 1961 für polnische Gastarbeiterinnen errichtet wurde und heute polnischen wie deutschen Studenten der Viadrina als Heimstatt dient, kommt man auf die Anrampung, die inzwischen durch die 1997 fertig gestellten Grenzkontrollanlagen zu einer städtebaulich geschlossenen Zone ausgebaut wurde. Etwas weiter stadteinwärts, wo zum Beginn des 21. Jahrhunderts nur ein tunnelartiger Durchgang durch ein Wohnhaus den Weg öffnet, verlief einst die Große Scharrnstraße als eine der wichtigsten Verkehrsachsen der Innenstadt — hier bog die Straßenbahnlinie 2 in Richtung Dammvorstadt ab. So hat die 1952 für den Verkehr freigegebene Brücke zwar beide Städte miteinander verbunden, gleichzeitig aber die Frankfurter Innenstadt geteilt. Denn mit dem Ausbau der vormaligen Breiten und heutigen Rosa-Luxemburg-Straße als Anfahrtsweg zur Grenze wurden die frühen Siedlungsgebiete Frankfurts, auf denen heute die Friedens- und die Marienkirche stehen, städtebaulich voneinander getrennt.

Grenze ist nicht gleich Grenze

Wenn wir uns nun direkt vor dem nachts hell erleuchteten und tags lichtdurchfluteten Grenzabfertigungsgebäude begeben (8), können wir uns eine Vorstellung von den städtebaulichen Auswirkungen der Grenze machen. So wirkt der Bereich kurz vor dem EU-Beitritt Polens stark geschlossen. Er verdeckt, dass hinter der Abfertigung eine Brücke liegt, dass sich dort der Ausblick auf einen Fluss eröffnet und ein neues Land beginnt. Die in den 1960er Jahren errichtete Bebauung entlang der Rosa-Luxemburg-Straße unterstreicht zwar die Richtung zur Grenze, aber gerade im Kreuzungsbereich zur Karl-Marx-Straße ist diese Achse kaum noch zu erkennen, so dass Außenstehenden, die sich nach dem Fußweg vom Bahnhof nach Polen erkundigen, nur geraten werden kann, bei McDonalds rechts abzubiegen. Bei der Prägung dieses Platzes spielte der Charakter der Grenze eine wichtige Rolle. Von Anfang an - also vom Moment des Baus der Stadtbrücke im Jahre 1952 - wurde der Grenzverkehr berücksichtigt, so dass bei der Anlage der Rampe eine sehr breite Fahrbahn für mehrere Wartespuren angelegt wurde. Damals war das Aufkommen von Passanten bzw. Automobilen an der Grenze aufgrund der strengen Bestimmungen sehr gering. Bis Ende des Jahres 1955 oblag die Grenze noch der Aufsicht der Sowjetischen Militäradministration. Sowohl in der DDR als auch in der Volksrepublik Polen sahen die Vorschriften noch bis 1956 eine vollständige Abschottung beider Länder entlang der Grenze vor. Bis dahin waren es vor allem offizielle Delegationen, die die Grenze passieren durften. Der Grenzverkehr erhöhte sich dann in den 1960erJahren langsam, die Zusammenarbeit zwischen einzelnen Betrieben und Organisationen nahm bereits etwas zu. 1958 wurde ein Vertrag über den gemeinsamen Tauschhandel abgeschlossen, der vorsah, Gemüse und andere Landwirtschaftserzeugnisse gegen Bekleidung und feinmechanische Erzeugnisse zu tauschen. Um den aufkommenden Waren- und Personenverkehr abfertigen zu können, wurde 1961 an der Stadtbrücke ein Zollamt fertig gestellt. 1966 wurde ein Vertrag über die Bedingungen zur Beschäftigung von Arbeitern im grenznahen Bereich unterzeichnet, der die rechtliche Grundlage für den Einsatz von polnischen Frauen im Frankfurter Halbleiterwerk bildete. Schon bald fuhren diese jeden Morgen in Bussen von S_ubice nach Markendorf, und passierten dabei wie selbstverständlich die Grenze, obwohl dies zu jener Zeit noch nicht zur Normalität gehörte. So ergoss sich erst durch die Einführung des visumfreien Grenzverkehrs am 1.1.1972 ein Strom von Besuchern über die Oderbrücke.

Innerhalb von wenigen Tagen passierten zehntausende Frankfurter die Kontrolle, die bis vor kurzem noch ein unüberwindbares Hindernis für viele darstellte. Der Ansturm von polnischer Seite ließ noch etwas auf sich warten, da dort ein spezieller Eintrag in den Personalausweis vonnöten war. In den ersten Monaten passierten viele Polen und Deutsche die Grenze aus Neugierde. So waren unter den Deutschen viele Flüchtlinge und Vertriebene aus der vormaligen Dammvorstadt, die sich nun aufmachten, um die verlassenen Häuser und Wohnungen aufzusuchen, um Blumen auf den noch vorhandenen Grabstellen des einstigen Waldfriedhofes niederzulegen. So kam es 1972 vielfach zu rührenden, aber auch schwierigen Begegnungen von Deutschen und Polen. Weniger bedeutungsvoll, aber nicht minder dramatisch war die Situation im Bereich der Versorgung. Denn viele Touristen wollten zum einen Speis und Trank des unbekannten Nachbarn probieren, und zum anderen Lebensmittel und Konsumgüter, die es auf der anderen Seite nicht in dieser Form und Menge gab, käuflich erwerben. Dem so ausgelösten Ansturm hielten die zuvor entlegenen und kaum frequentierten Versorgungseinrichtungen auf beiden Ufern der Oder anfänglich kaum Stand. Zum ersten Mal nach dem Krieg wurden in dieser Zeit nachhaltige persönliche Kontakte geknüpft, Kooperationen vereinbart, die wie im Falle des Deutsch-Polnischen Jugendorchesters als gemeinsames Projekt der Musikschulen Frankfurt und Zielona Gora bis heute bestehen. Zu einem Höhepunkt in der Manifestation der offiziellen Zusammenarbeit kam es 1977 beim Treffen der Freundschaft, bei dem Zehntausende Jugendliche aus beiden Ländern unter wehenden roten Fahnen die immer noch zentral verordnete, aber immerhin in einigen Fällen schon individualisierte Freundschaft bekundeten. Zu solchen Gelegenheiten spielte die Brücke bereits eine zentrale Rolle. Sie wurde als symbolischer Ort des Aufeinandertreffens und des gemeinsamen Brückenschlags genutzt, wovon heute noch viele Bilder zeugen.

Diese Phase der offenen Grenze brach Ende des Jahres 1980 jäh ab. Damals führte die DDR aus Furcht vor politischen Impulsen der Solidarnosc-Bewegung erneut die Visumpflicht ein, was einer Schließung der Grenze gleichkam. In den folgenden Jahren war die Grenze zwar weiterhin durchlässig für bereits bestehende Verbindungen, so fuhren noch immer polnische Frauen ins Halbleiterwerk zur Arbeit, die begonnene Zusammenarbeit von Schulen und Kindergärten konnte zum Teil fortgesetzt werden, aber insgesamt sind die 1980er Jahre als Periode der erneuten Abschottung zu verstehen. Diese wurde beispielsweise durch das umfangreiche Jugendaustauschprogramm zwischen DDR und Volksrepublik Polen punktuell durchbrochen, aber erst der rasante Aufschwung zu Beginn der 1990er Jahre zeigte, welches Potential die geschlossene Grenze bannte. Mit der Auflösung des Warschauer Paktes sowie der Wiedervereinigung Deutschlands und der damit verbundenen Verschiebung der Außengrenzen der Europäischen Gemeinschaft entstand 1991 eine völlig neue Grenzsituation. Die Kontrollen und Beschränkungen wurden zumindest für Bürger der Polnischen Republik und der Europäischen Union minimal. An der Grenze bildeten sich schon bald lange Schlangen von Touristen, die erneut aus Neugierde, aber vor allem zum Einkaufen auf die andere Seite strömten. Mit der offenen Grenze und den politischen Veränderungen wurde nun auch eine selbstständige Zusammenarbeit auf kommunaler Ebene möglich, was sich sogleich in der Unterzeichnung von ausufernden Kooperationsvereinbarungen niederschlug. Auch wenn in den 1990er Jahren noch viele Vorbehalte und Barrieren zu spüren waren: Es war eine Zeit des Booms, des explosionsartigen Anstiegs des grenzüberschreitenden Verkehrs, die Brücke wurde zum ersten Mal zu einer bedeutsamen Verkehrsachse, die sich in ihrer Dynamik und den durch die Grenzkontrollen verursachten Schlangen in den Innenstädten deutlich bemerkbar machte. Ob und wie die Grenzkontrolle heute stattfindet, sollten Sie gleich selbst probieren. (8) Achten Sie dabei besonders auf die Uniformen und Schilder auf beiden Seiten - sie verraten Ihnen den administrativen Status quo der europäischen Integration an diesem Ort. Können Sie noch das Ortsausgangsschild von Frankfurt sehen, auf dem S_ubice in 0,5 km Entfernung angekündigt wird? Dieses war zumindest noch zu Ende des 20. Jahrhunderts Zeichen der weit entfernten Wirklichkeiten beider Städte — immerhin ist die Brücke nur knapp 257 m lang.

Die Brücke als Verbindungsachse

Begeben wir uns nun auf die Brücke, deren Vorgänger nicht nur Ort der Grenze und grenzüberschreitender Feste war, sondern auch in sich eine Verbindungsachse darstellte. Das gilt zum einen für den Verkehr - in den frühen 1950er Jahren gab es nur drei Übergänge an der deutsch-polnischen Grenze. Zum anderen führten entlang der Brücke diverse Leitungen zum anderen Ufer. So wurde gleich nach dem Krieg eine Stromleitung über den nördlich von hier gelegenen provisorischen Bau gelegt, um Slubice für die erste Zeit an das Frankfurter Stromnetz anzuschließen. Ähnlich wurde mit der Wasserversorgung verfahren. So wurde im August 1945 ein Wasserrohr entlang der Holzbrücke verlegt. Da dieses jedoch nur ungenügend den Bedarf der neu gegründeten Stadt deckte, ging man dort mit Hilfe von Frankfurter Angaben auf die Suche nach neuen Entnahmequellen und geriet so zur Pumpstation für das einstige Ostmarkstadion am Flughafen hinter der Stadt. Die damals aus einer Notlage erwachsene Kooperation setzte sich im Jahre 1960 fort, als das bereits aus der Vorkriegszeit vorhandene Slubicer Gasnetz über eine Leitung entlang der Stadtbrücke an die deutsche Seite angeschlossen wurde. Bis zur zweiten Hälfte der 1990er Jahre existierte im einst gemeinsamen und nun an nationale Netze angeschlossenen Telefonnetz eine Durchwahlnummer, mit der man von Frankfurt zum Ortstarif nach Slubice telefonieren konnte - seit dem werden Anrufe, ähnlich wie Briefe über die Zentralen in den nationalen Hauptstädten auf die andere Seite des Flusses geleitet. Nach dem Neubau der Oderbrücke verbindet diese beide Städte vor allem als Straße. Das gemeinsame Telefonnetz von Viadrina und Collegium Polonicum wird via Richtfunk vom einen zum anderen Flussufer hergestellt. Die Funknetze der deutschen und polnischen Betreiber reichen von Fluss, Grenze und Brücke ungestört weit über die Oder hinweg. In Slubice wurde in den 1990er Jahren genauso wie in Frankfurt eine eigene moderne Kläranlage gebaut. Die Wasserversorgung funktioniert getrennt. Bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts gab es noch keine Buslinie, die beide Kommunen miteinander verbinden würde. Aber man trägt sich mit Plänen, eine Straßenbahn zu bauen, für die die jetzige Brücke nicht ausgelegt ist. Damit verbunden sind Hoffnungen auf eine zweite Stadtbrücke nördlich der heutigen. Einzige bedeutende kommunalwirtschaftliche Verbindung ist zu diesem Zeitpunkt das hauptsächlich aus Russland gelieferte Erdgas. Dieses wird inzwischen südlich von Frankfurt über eine neu gebaute Leitung auf die andere Seite der Oder geleitet und versorgt nun nicht nur Slubice, sondern weitere umliegende Gemeinden. So hat die Brücke heute vor allem eine Funktion als Verkehrsachse — sie dient vor allem dem lokalen Personenverkehr, wobei Einkaufen und Tanken in der Prioritätsliste an oberster Stelle stehen. Viele Frankfurter gehen nach Slubice, um dort einen Einkaufsbummel über den Kleinen oder den Großen Basar mit einem Besuch beim Friseur zu verbinden. Am Abend warten dutzende Taxifahrer auf Männer, die am Rand der Stadt in einer der über zwanzig "Gesellschaftsagenturen" absteigen. Slubicer gehen nach Frankfurt vorwiegend zum Einkaufen. Ohne die Brücke wäre aber nicht nur der kleine Grenzverkehr, sondern auch das neu entstehende universitäre Leben kaum vorstellbar. So wohnen viele Viadrina-Studenten in Slubice, die Lehrveranstaltungen finden auf beiden Seiten der Oder statt, das Collegium Polonicum könnte ohne die Verbindung nach Deutschland kaum existieren. Dabei ist es wie selbstverständlich, dass man den Weg über die Brücke ohne größere Wartezeiten bewältigt. Nur in Momenten verstärkter Kontrollen, wie nach dem Anschlag auf das World Trade Center im Jahre 2001, wird für die täglichen Pendler wieder spürbar, dass sie noch immer an einer Grenze leben.

Die Zigarettenstraße als Meile der 90er Jahre.

Wenn wir uns nun zum Slubicer Brückenkopf begeben, können wir uns kurz einen Überblick über die hiesige städtebauliche Situation machen: Die Bebauung aus der Gründerzeit geht nach links entlang des einstigen Prinzenufers, heute ulica Nadodrzanska, und entlang der neuen Fußgängerzone, früher Friedrichstraße, bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts ulica Jednosci Robotniczej. Betreten wir diese, können wir uns ein Bild machen, warum sie auf der deutschen Seite auch als Zigarettenstraße bekannt ist. Zumindest in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren hier neben Wechselstuben und Friseuren vor allem Zigarettenläden entstanden. Sie ist somit zum Ausdruck eines zweifachen Booms zum Ende des Jahrhunderts geworden — und an ihr kann man auch aufzeigen, dass die Stadträume von Frankfurt Oder S_ubice nicht vollständig durch die Grenze getrennt sind. So ist die Straße, die im Zuge der territorialen Ausdehnung Frankfurts in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts angelegt und in den 1890er und 1910er Jahren bebaut worden war, direkt auf das vormalige Stadtzentrum am anderen Ufer ausgerichtet. Damals war die Straße für die Frankfurter eine Einkaufsmeile, man konnte auf dem Damm entlang spazieren und an der Seidenfabrik, an deren Stelle heute die Bibliothek des Collegium Polonicum steht, einen Kaffee trinken. Eine ähnliche Funktion erfüllt sie unter neuen Umständen hundert Jahre später erneut. Und wieder erfolgte der Boom in den neunziger Jahren. Vormals mit dem Bau der Straßenbahn, und dann mit der Öffnung der Grenze. (Großer Markt) Dabei ist die heutige Form der Zigarettenstraße auch Ausdruck der Zusammenarbeit beider Städte, die sich für die 750-Jahr-Feier zusammengeschlossen und, jeder auf seiner Seite, einen Antrag bei der Europäischen Union eingereicht haben. Mit den so gewonnenen Fördermitteln wurde die Straße neu gestaltet — in Anlehnung an vergangene Zeiten gepflastert und mit historisierenden Details versehen. Die Tochter des beauftragten Steinmetzen hat daraufhin der Stadt eine Skulptur mit dem Titel "Integracja" geschenkt, die Sie zwischen Collegium Polonicum und der Stadtbibliothek finden. Das grün-gelbe Gebäude der Stadtbibliothek zeigt, einem Monument gleich, wie sich Slubice nach dem Krieg von Frankfurt weg entwickelt hat. Obwohl sich zur Oder hin die Silhouette der einstigen Altstadt öffnet, wurde die Bibliothek leicht versetzt mit der Fassade zur Straße hin gebaut. Nach Frankfurt hin öffnen sich nur schmale Schlitze, die kaum einen Blick auf die benachbarte Stadt zulassen. Wenn wir nun die Straße überqueren, können wir das Collegium Polonicum genauer betrachten. Es ist im Gegensatz zur Stadtbibliothek Ausdruck einer viel späteren Zeit - die polnische Version der Postmoderne sieht sich hier verwirklicht. Aber auch die Forschungseinrichtung öffnet sich nicht zum Fluss und somit zur gegenüberliegenden Seite, sondern über einen Innenhof zum Kreisverkehr, auf dem ein Straßenschild den Weg nach Frankfurt weist.

- dieser Text erschien in : "Frankfurt Oder Slubice. Sieben Spaziergänge durch die Stadtgeschichte" , scripvaz-Verlag Berlin, 2003.
- weitere Informationen finden Sie unter: www.slubice.de/stadtfuehrer