© Ragnar Knittel: Stadtkulisse mit Frau

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Die Reise nach Jarosław -
auf dem Weg in die Vergangenheit.


(xan) Gittie wiegt einundneunzig Pfund, ist ein Meter fünfzig groß und hat gestrichen die Nase voll. Seit Ihre Großmutter gestorben ist und ihre Eltern in einen Plattenbau nach Berlin-Mitte gezogen sind, hält sie es kaum noch aus. Als sie nach Beendigung der Politechnischen Oberschule keinen Abiturplatz bekommt, packt sie ihre Sachen und macht sich auf den Weg nach Jarosław, wo ihre Oma Hela vor langer Zeit lebte. Gittie mochte den Singsang in ihrer Stimme, sie lauschte gerne den Geschichten ihrer Großmutter, sie liebte die von ihr gekochten Speisen. Aber wo liegt Jarosław? Gittie bricht auf Umwegen zum Bahnhof Friedrichstraße auf, nimmt eine S-Bahn nach Erkner und fährt mit dem Zug in Richtung Frankfurt (Oder). Liest man Rolf Schneiders aus der Perspektive einer 16-jährigen erzählte Geschichte dreißig Jahren nach Erscheinen des Büchleins, muß man über den Ostberliner Slang à la "echt cool" und "total schau" lachen. Gitties Suche nach den Wurzeln ihrer Vorfahren, die sich schon bald in unerwarteten Abenteuern verliert, mutet heute wie eine Geschichte aus einer anderen Welt an. An Stelle des Hotel Stadt Frankfurt stehen nun die Lenné-Passagen. Die Volkspolizisten, mit denen Gittie damals diskutierte, tragen heute bundesdeutsche Uniformen. Nur noch wenige Trabbis halten an, um einen Tramper überland mitzunehmen. Und Polen liegt heute näher als es damals. Oder liegt es für die meisten Menschen in Berlin und Brandenburg genauso weit entfernt wie vor dreißig Jahren? Für Gittie war die "Reise in Polen" die Entdeckung einer neuen, fremden Welt. Doch so wie heute die damals heiß begehrten Bluejeans wieder in Mode kommen, gibt es viele Stellen, an denen die Schilderungen nicht weit von der heutigen Realität entfernt liegen. Man muß unwillkürlich schmunzeln, wenn Schneider Gittie ihre Ankunft in Frankfurt (Oder) wie folgt beschreiben läßt: "Ich ging aus dem Bahnhof hinaus und ging durch eine Menge grauer Straßen. Frankfurt kam mir irgendwie weitläufig und ungeheuer sauber vor. Ich fand ein Schild, auf dem ein Pfeil Richtung Grenzüberang wies. Und diesem Pfeil ging ich nach. Ich kaum auf eine viel zu breite Straße mit vielen neuen Häusern. Irgendwann fand ich eine Querstraße, und gegenüber der Querstraße war der Anfang von einer Brücke." Obwohl an Stelle der Brücke bereits eine neue errichtet wurde, kann der Leser in der vermeindlich naiven Beschreibung der damaligen Bezirksstadt auch ein Stück des heutigen Oberzentrum erkennen. Gittie macht sich nach ihrer Ankunft zuerst auf den Weg nach Slubice, sie beschreibt die Kontrolle des Personalausweises, mit dem man schon damals die Grenze passieren konnte. "Dieses Slubice war verdammt winzig. Es bestand aus zirka einem Dutzend Straßen, und ich lief ein bißchen drin herum. Es gab Kneipen und Geschäfte und ein Kino. (...) Ich sah eine Menge kleiner Kinder, die alle dunkle Haare hatten und wie besessen durch die Straßen rannten. Dann sah ich etwas, das ein Wochenmarkt war oder auch wieder nicht." Wie in der vergangenen Dekade blühte der Handel im Slubice der 1970er Jahre. Doch Gittie hält es dort nicht lange aus. Schon bald kehrt sie zurück nach Frankfurt, wo sie Jan kennenlernt, einen polnischen Architekturstudenten, der in die DDR gereist war, um sich verschiedene Denkmäler der norddeutschen Backsteingotik anzusehen. Die Geschichte des heute 70-jährigen Autors wirkt an einigen Stellen sehr pädagogisch, an anderen kann man Schneiders eigene Erfahrungen mit Polen nachvollziehen. Insgesamt gelang es ihm, ein spannendes Buch für Jugendliche zu schreiben, dass auch den heutigen Leser in seinen Sog zieht. Der Weg von Gittie und Jan an die Ostsee, ihre erste gemeinsame Nacht in einem Strandkorb, die ersten Unstimmigkeiten, Gitties Versuche, Jan in das weit entfernte Jarosław zu locken, sind äußerst amüsant. Die erste Konfrontation der jungen Deutschen mit der Geschichte des Zweiten Weltkrieg ist nachvollziehbar beschrieben. Auch wenn sich dieser Aspekt im Buch häuft – es war damals, dreißig Jahre nach dem Krieg ein ungleich befangeneres Verhältnis für Polen und Deutsche, zumal für DDR-Bürger, die von Hause aus antifaschistisch erzogen wurden. In der "Reise nach Jarosław" schwingt aber nicht nur diese Befangenheit mit, man spürt auch deutlich die Faszination, die Polen auf den heute in Schöneiche lebenden Autor, ausgeübt hat. In der Beschreibung eines verrückten, weisen Künstlers, der sich in ein Bauernhaus zurückgezogen hat, um dort der Bildhauerei nachzugehen und abseits des gesellschaftlichen Trotts zu leben, schwingt sowohl die Begeisterung für die im Vergleich mit der DDR ungleich größeren Freiheiten in der Volksrepublik mit, als auch alle romantischen Klisches, die Deutsche immer wieder mit Polen verbinden, und die in Janoschs "Polski Blues" einen bisher unübertroffenen Gipfelpunkt erreicht haben. Auch wenn Gitties Mundwerk den Leser nach einigen der kurzen Kapitel anstrengt, auch wenn die Route der Beiden immer wieder recht konstruierte Wendungen nimmt, und die Erfahrungen einer pupertären Berliner Göre im blühenden Volkspolen zum Teil fast in stereotypem Lichte erscheinen, liest sich Rolf Schneiders Roman für Jugendliche heute locker und leicht. Es ist ein schönes Dokument des sonderbaren und in der Geschichte einmaligen Aufeinanderprallens zweier sozialistischer Welten von Brüdervölkern, die keine sein wollten. Nur das Ende muß schon damals enttäuschend gewesen sein. Gittie erscheint im Fieber eine Madonna, mit der sie im Zweigespräch feststellt, dass es an der Zeit wäre, erwachsen zu werden. Schade eigentlich, dass das Buch an dieser Stelle endet, aber jeder Leser hat die Möglichkeit, sich selbst auf den Weg nach Jarosław zu begeben.

- Rolf Schneider: Die Reise nach Jarosław, Rostock 1974.