© Ragnar Knittel: Promenade

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Alt-polnische Küche und neu-polnische Gebärden -
ein Imbiss öffnete seine Pforten.


(xan) Auf dem Spaziergang durch das im Entstehen begriffene Słubicer Stadtzentrum fallen sie kaum auf: Häuschen, Hütten nachempfunden, Kartons mit Hüten. Die fünf Geschäfte liegen mittendrin, direkt gegenüber dem Hotel Euro, und doch stehen sie durch ihre zurückgesetzte Lage im Abseits. Zwischen zwei Küchenstudios bietet ein Juwelier seine Ware feil und links außen wird mit Computern gehandelt. Im Lokal dazwischen wechseln die Mieter regelmäßig. Einst gab es hier eine Pizzeria, dann eine asiatische Bar und kürzlich öffnete ein alt-polnischer Imbiss seine Pforten. Während wir uns einen Einblick in das Menu verschaffen wollten, ging der Besitzer unruhig vor der Theke auf und ab und fragte seine Bediensteten was noch fehlte: Eierkuchen, Hühnerbrust und Leber. Und Piroggen? Sind noch im Tiefkühlfach, erwidert eine der Frauen in der improvisierten Küche. Ohne uns von der Nervosität des in einen bege-farbenen Anzug gehüllten, offensichtlich etwas überforderten Restaurantbesitzers anstecken zu lassen, wählten wir einen gemischten Salat, überbackenen Blumenkohl sowie Piroggen und fragten nach etwas Süßem. Haben wir nicht, lautete die Antwort. Nach vorsichtiger Nachfrage ließ sich ein Teller Kopytka mit etwas Zucker erbeten. Und während wir vor der Tür die Frühlingssonne genossen, ging uns ein Licht auf. Der Besitzer führte gleichzeitig das Juwelier-Geschäft nebenan. Freilig war dort nicht viel los, aber nun mußte er ja schnell zum Supermarkt. Was fehlte noch? Hühnerleber, Pfannkuchen und Eier. Bevor er mit vollgepackten Kartons zurückkam und diese durch seinen neuen Laden in die Küche brachte, bekamen wir den bestellten Imbiss und waren nicht wenig verwundert über die geringen Ausmaße des gemischten Salates. Doch wir wollten gerne wieder kommen - wo kann man sonst in der Sonne alt-polnische Küche genießen? Die Piroggen waren dann auch schon etwas älter und in der Pfanne aufgewärmt. Die Kopytka mundeten - wie es wohl früher ein Festmahl gewesen sein muss - mit einem Esslöffel Zucker bestreut. Doch der Blumenkohl machte uns Sorgen. Außen mit dem tschechischen Allheilmittel Vegetana bestreut, hatte man einige Stücken tiefgekühlten Blumenkohls in eine Pfanne geworfen, was an sich keinen Kummer bereitet hätte, wäre er im Inneren nicht noch gefroren gewesen. Auf eine erneut vorsichtige Nachfrage vernahmen wir nur: Das kann nicht sein, ich habe das doch eben gebraten. Nachdem wir trotz unserer ausländischen Herkunft wagten, sanften Widerstand zu leisten, erbarmten sich die Köchinnen, die verbliebenen Blumenkohlstücken erneut in die Pfanne zu werfen. Der stolze Besitzer hatte sich inzwischen am Nachbartisch nieder gelassen, um mit den Unternehmern vom Küchenstudio und Computerladen zu Tisch zu essen. Während wir uns überlegten, wer gastronomische Dienstleistungen dieser Art aufregend genug findet, um hierher freiwillig einzukehren, wurde am Nebentisch lautstark erörtert, dass ein EU-Beitritt Polens ohnehin Unsinn wäre. Wir sind schließlich 40 Millionen - da können wir auch ohne die, verkündete der Herr im bege-farbenen Anzug. Jawohl stimmten seine Gefährten ein. Dieses Erlebnis kostete uns 30 Zloty. Vorzüglicher polnischer Kirschsaft inclusive.



- Staropolska Kuchnia, Aleja Młodziezy Polskiej 5, 69-100 Słubice