© Ragnar Knittel: Stadtkulisse mit Frau

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Willkommen in der Wirklichkeit
Bombenalarm und ein neuer Film über die Grenze.


(xan) Für einige Menschen bricht eine kleine Welt zusammen, wenn der Grenzübergang an der Stadtbrücke geschlossen ist. So sammelte sich am gestrigen Abend vor dem Schlund aus Glas und Metall eine Gruppe von Einkaufstouristen, Putzfrauen und Studenten. Auf der anderen Seite Studenten, Puffgänger und Zigarettenkäufer. Kurz zuvor war in den Kontrollanlagen an der Slubicer Straße eine herrenlose Tasche entdeckt worden. Bombenalarm.

Während so für die einen die heile Welt des täglichen Grenzübertritts zusammenbrach, ist der Zustand des Wartens in der Ungewissheit für andere existenzielle Bedrohung. Hans-Christan Schmids Film "Lichter", der ab Donnerstag in die deutschen Kinos kommt, erzählt von Menschen, die in der selben Doppelstadt verharren, die versuchen die gleiche Grenze zu überqueren, die in der gleichen Welt leben. Und doch bringt er verschiedene Wirklichkeiten zusammen, die sonst nur nebeneinander existieren. Er zeigt den inneren Abgrund einer Dolmetscherin auf, die täglich Schicksale von einer Welt in die andere übersetzt - ihr Verständnis für menschliche Grenzen auf der einen Seite, die Arbeit im Dienste des Staates auf der anderen. Schmid schildert das Los von Flüchtlingen, die auf ein besseres Leben jenseits des Flusses hoffen. Die Schlepper schicken sie los in Richtung Westen. Statt in einem Vorort Berlins landen sie in Slubice. Zwischen Glück und Geschäft hin und her gerissen trifft eine polnische Studentin auf ihre verlorene Liebe von der Viadrina. Jugendliche schmuggeln Zigaretten über die Grenze. Die Stränge sind verwoben und doch getrennt, so wie an diesem Abend an der geschlossenen Brücke fremde Menschen plötzlich nebeneinander inne halten. Man sieht ihnen ihre Geschichten nicht an. Auch beim gemeinsamen nächtlichen Döner in Ibo´s Grenzcafé erzählen sie nicht viel von ihrem Leben.

Hans-Christians Schmids Film zeichnet Bilder einer Wirklichkeit, die sonst nur als Meldung in der Lokalzeitung erscheint: "Wie der Bundesgrenzschutz berichtete, wurde gestern in der Oder auf Höhe des Klärwerks eine männliche Leiche aufgefunden. Die Person trug einen ukrainischen Pass bei sich und soll sich nach Angaben des Pressesprechers bereits mehrere Tage im Wasser befunden haben". Das Mosaik Schmids ist gut recherchiert und doch wirkt es an vielen Stellen nur gewollt realistisch. Zwangsläufig muss sich der Film an Andreas Dresens Meisterwerk "Halbe Treppe" messen lassen, das in der selben Stadt spielt, wenn es auch die Grenze nur von Frankfurt aus aufgreift. Wirken die filmischen Mittel in "Halbe Treppe" mehr als adäquat - sie entstanden auch im Rahmen eines minimalen Budgets - erscheint die wacklige Führung der Handkamera in "Lichter", der keine low-budget Produktion ist, angestrengt kalkuliert.

Bemerkenswert ist, dass bereits vor zwei Jahren mit "Granica" ein Kurzfilm auf der Stadtbrücke gedreht wurde, der zwar in deutlich bescheideneren Ausmaßen und auch weniger dramatisch einem ähnlichen Narrativ wie "Lichter" folgte: der Potsdamer Regiestudent Robert Talheim erzählte gleichsam mehrere Grenz-Geschichten parallel - sie kamen in einer letzten Einstellung auf der Stadtbrücke zusammen. So scheint der Charakter der Grenze diese Form zu diktieren - wie ein Nadelöhr durch das sich verschiedene Fäden winden, die ineinander verheddert und deren Enden doch lose sind. Der Bombenalarm an der Stadtbrücke hielt bis in die tiefe Nacht an.

- Der Streifen im Netz: www.lichter-der-film.de
- Ein Premierenbericht: www.slubice.de/texte/030211.html