© Ragnar Knittel: Promenade

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Broiler über Eck
Masthühner überwinden Grenze.


(xan) Jerzy Kirej hatte gestrichen die Nase voll von der Fernfahrerei. Nach Jahren im Einsatz quer durch die östliche Welt kehrte er zurück nach Slubice, das er bisher nur als große LKW-Reparaturstation kannte. Nun war es zum Basar geworden. Täglich strömten Tausende Deutsche über die Oder, um sich über alles her zu machen, was billig, essbar oder aus Plastik war. Als er seinen ersten Stand mit gegrillten Masthühnern und Limonade aufmachte, verdiente er von heute auf morgen Tausende Mark. Ein zweiter Imbiss folgte, mit der Zeit entstanden daraus kleine Gaststätten. Auf dem Gelände der LKW-Station gründete er einen Multifunktionsladen mit Küche, Konsum und Videoleinwand. An der Oder stellte er ein Festzelt auf, das seitdem als Warszawianka für Unterhaltung sorgt. In dieser Zeit des Rausches eröffnete er in der Slubicer Zigarettenstraße ein Hühnchengrill: klein, immer überheizt und von einer schlecht gelaunten Verkäuferin mit Kittelschürze verziert. Als er das Schild für den Laden bestellte, erinnerte er sich an die Gaststätte, die in der Frankfurter Tunnelstraße schon in den 1970er Jahren den Ruf einer modernen Speisegaststätte erlangte: das legendäre "Broilereck". Da das gemeine Masthuhn im Volks-Polnischen wie im DDR-Deutschen auf märchenhafte Weise aus dem Englischen von "to broil - braten, grillen" abgeleitet wurde, verfiel er auf die polnische Verkleinerungsform: "Brojlerek". Daneben platzierte er einen bunten Hahn, der wie eine fröhlichere Variante des Frankfurter Wappentiers wirkt. Während sich im "Broilereck" neben DDR-Bürgern auch "Angehörige der sowjetischen Streitkräfte" und viele Slubicer die Bäuche mit Brojlern und den als Mangelware geltenden Pommes Frites voll schlugen, essen heute neben Einheimischen vor allem Besucher aus Frankfurt und nur noch selten litauische oder ukrainische Autohändler ein halbes Hühnchen mit Krautsalat. Obwohl Jerzy Kirejs gastronomische Unternehmungen längst nicht mehr so gut laufen wie zum Ausgang des vergangenen Jahrhunderts, hat dieser vor dem "Broilerek" in der ulica Jednosci Robotniczej, die noch immer von der Einheit der Arbeiterschaft kündet, gerade ein strohgedecktes Wirtshaus aufgestellt, in dessen Schatten der geneigte Besucher das rotbraune Fett tropfen lassen kann. In der Tunnelstraße entstand neben dem abgerissenen Betonbau der Speisegaststätte die aparte Bar "Kießling´s", die nun in unregelmäßigen Abständen eine nostalgische Broilereck-Party veranstaltet. Leider ohne Jerzy Kirej.