|
(xan) In Slubice haben das europäische Einheits-Geschwätz und die endlosen
Feierlichkeiten des Frankfurter Festjahres merkwürdige Spuren hinterlassen.
Die sonst so patriotische Stadt, die es vorgezogen hat, einen Platz mit drei
Häusern nach der Nachbarstadt zu benennen, statt die Straße der
Arbeitereinheit ihres sowjetischen Namens zu entledigen, flaggt in jener
zentralen Einkaufsmeile zum Tag der Unabhängigkeit nicht nur polnisch
rot-weiß sondern auch schwarz-rot-gold. Das verwundert selbst hartgesottene
Müslikonsumenten, die sich sonst über jedes Anzeichen deutsch-polnischer
Verständigung hocherfreut der Erlösung von der Last der Geschichte ein Stück
näher wähnen. Markierte doch der 11. November das Ende des 1. Weltkriegs,
den Tag an dem die deutschen Truppen Polen verließen und Józef Pilsudski das
Ruder der Polnischen Republik übernahm. Der Reigen der nationalstaatlichen
Flaggen in der Zigarettenstraße wird nur durch das tiefblaue Sternenbanner
der Europäischen Union unterbrochen. Vielleicht ist Slubice so sehr auf den
Weg nach Europa fixiert, dass es bereit ist, den deutschen Nachbarn in die
Feierlichkeiten zum gemeinsamen Krieg einzubeziehen? Immerhin ist der 11.11.
auch in England Tag der Erinnerung und in Frankreich Staatsfeiertag. Doch
warum müssen die Deutschen gerade an diesem Tag Faschingsbeginn feiern?
Mitten in die Gedenkfeierlichkeiten fällt der feucht-fröhliche Beginn der
Saison. Vielleicht will Slubice den so entstehenden Abgrund zwischen beiden
Städten durch die bunten Fahnen überbrücken? Tatsächlich findet an diesem
Tag ein "grenzüberschreitender" Straßenlauf statt. So scheint die Grenze
Polens längst nach Slubice verschoben - zwischen die Plätze Bohaterów und
Wolnosci.
Der obige Text ist wortwörtlich von vorgestern. Nachdem gestern eine
polnische Fassung in der Gazeta Wyborcza erschien und diverse Slubicer
Vereine Druck auf den Bürgermeister ausgeübt hatten, wurden die deutschen
Flaggen durch polnische ersetzt. Das europäische Sternenbanner wurde gleich
mit gegen rot-weiße Bikolore getauscht. Also doch keine Versöhnung, keine
Brücke, keine Europäisierung des Gedenkens an das Ende des 1. Weltkrieg.
Statt Europamanie nun doch nationalstaatlicher Friede in den alten Grenzen
der Dritten Republik. Und Faschingsbeginn.
Der Tag in der Übersicht bleibt gespalten:
- 9.00 Ablösung der Ehrenwache vor der Gedenktafel in der Kirche sw. Ducha
- 9.30 Heilige Messe für das Vaterland, Niederlegen von Kränzen
- 10.45 Abmarsch der Kolonne mit Orchester, Pfadfindergruppe,
Wimpelträgern sowie den anwesenden Delegationen. Appell für die Gefallenen
auf dem plac Bohaterow (Platz der Helden)
- 11.11 Faschingsbeginn: in Frankfurter Schulen schrillen die Klingeln, in
Ämtern, Betrieben und Privatwohnungen wird ausgelassen mit Sekt und
Pfannkuchen angestoßen
-11.15 Beginn der patriotischen Festveranstaltung, Plac Bohaterow
- 11.30 Marsch auf den Plac Sybiraków (Platz der nach Sibirien Verbannten)
- 12.00 Beginn des grenzüberschreitenden Unabhängigkeitslaufes um den
Slubicer Pokal. Siegerehrung gegen 14.00
|