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Abschied
Umzug in Frankfurt


Von Paulina Gulinska

Wie nie zuvor genoss ich in der letzten Zeit meinen Ausblick auf die Oder, Slubice und Frankfurt. Die bedingungslose Begeisterung, die ich vor zwei Jahren beim Einzug empfand, war inzwischen erfahrener geworden um die Bekanntschaft mit meinen ostdeutschen Nachbarn, reifer um die Telefonate mit der Wohnungswirtschaft, die sich nie um ihre Mieter kümmert, aber immer gerne jegliche Rechnungen ausstellt, reicher um einige schlaflose, einsame Nächte mit einer Flasche Frankfurter in der Hand. Die auf dem Boden verteilten Kartons störten mich irgendwie nicht mehr in meiner Pedanterie, das Echo des aufgeräumten Zimmers lauschte meinen Gedanken. Und diese wandten sich den letzten zwei Jahren zu, während denen ich mich in dieser Stadt auf meine eigene Art eingelebt habe. Die rein theoretische Nostalgie, die allzu tief in den slawischen Knochen steckte, wurde innerhalb dieser Zeit durch die Praxis nur noch verstärkt. Der düstere Himmel über dem Hochhaus Jahrgang 1973, um ihn herum kreisende Krähen unterstützten eine mit Traurigkeit erfüllte Wahrnehmung dieser Stadt. Andersherum - keiner ahnt so klar wie die Bewohner dieses Hauses, wie traumhaft jener Ort sein kann, wenn der Tag anbricht, die beiden Städte noch im Nebel versunken sind und sogar die Zigarettenschmuggler eine Pause machen.

Beim Warten auf den Transporteur, der sich wegen des Berlin-Marathons verspätete, machten wir uns ein Bild von unserer Nachbarschaft, die wir bis dahin nur rudimentär kennen gelernt hatten. Von den Worten und den Gesichtern lasen wir die Einstellung zu uns, zwei polnischen Studentinnen ab. Die musternden Blicke, die über unser Eigentum wanderten, ließen uns spüren, wie wir auf der sozialen Leiter eingeordnet wurden. Leider spiegelte sich unser bequemes Stipendiatinnendasein nicht im Antlitz unserer Kartons und gebrauchten Möbel wieder. Weder Agnieszkas Truhe noch unser Garderobenschrank erregten Begeisterung. Nur die "Mülltouristen" fühlten sich durch die Kisten angezogen. Ein nettes Gespräch mit einem von ihnen veranschaulichte noch einmal die materiellen Unterschiede zwischen Slubice und Frankfurt. Eine Nickelpfanne, gefunden von ihm irgendwo im Nordteil der Stadt, eine Kuscheldecke, verpackt in eine schicke Plastiktasche — alles lässt sich in Polen für etwas Geld verkaufen. Es reicht in jedem Falle für eine Schachtel Zigaretten oder eine Flasche Bier. Die Szenerie scheint so abgenutzt durch die Fanatiker des Grenzgebiets, dass es fast widerlich ist. Lustig , dass sie wirklich zur hiesigen Realität gehört. Genauso wie die Glatzen im Lennépark, die Exhibitionisten am Oderufer oder die ausgestorbenen Straßen an einem sonntäglichen Vormittag.

Trotz alledem trete ich mit Lust und Hoffnung ein nächstes Kapitel meiner Frankfurter Existenz an und bin gespannt auf die noch unbekannten Schattenseiten dieser Geisterstadt. "Davaj za zhizn´, davaj brat do konca…"

Ich bleibe Dir treu, Frankfurt.