© Ragnar Knittel: Stadtkulisse mit Frau

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Ja i Ty - ich und Du:
Vom Schock danach


Von Juliane Strauss

Vergangener Donnerstag, 19:30, großer Hörsaal im Collegium Polonicum. Der Saal ist gut besetzt. Viele Zuschauer sind mittleren und höheren Alters, der Rest Studenten. "Ich und du oder Ja i ty", eine "satirische deutsch-polnische Ehekomödie" heißt es auf dem A4-Beipackzettel. Laut Ankündigung ein "didaktisches Stück". Autor ist der Direktor des Collegium Polonicum höchst persönlich: Herr Dr. Krzysztof Wojciechowski. Mit "Ich und du oder Ja i ty" gibt er sein Debüt im dramatischen Genre. Ein erster Eindruck vom Stück? Die Musik war sehr schön. Anderthalb Stunden lang beschmeißen sich zwei uneinsichtige Sturköpfe mit allerlei Stereotypen. Die wilden Beschimpfungen werden dabei phantasievoll angereichert mit Boshaftigkeiten über das Herkunftsland und die Landsleute des Ehepartners/Ehegegners. Die Protagonisten: Sie, deutsch, Typ verbiesterte Ex-Pionierleiterin. Er, polnischer Chirurg, Typ willensschwaches, selbstmitleidiges Weichei. Der "ganz normale Ehekrieg" wird auf der Bühne ausgetragen. Nebenbei klipsen die Protagonisten auf einer Art "didaktischer Wäscheleine" im Hintergrund immer wieder Begriffe wie: "Identität", "Ehe", "polnische Technik" und "Angst" in beiden Sprachen an. Die Bedeutung dieser "Wäscheleine" bleibt derweil unklar. Nur einen einzigen Moment der Ruhe und Entspannung gönnt das Paar sich und dem Publikum während ihrer 1,5 Stunden dauernden gegenseitigen Beschimpfungen: eine Flasche Wein nach dem Sonntagmittagsex. Nun, was will uns der Autor damit sagen? Sie lieben und sie hassen sich? Oder anders ausgedrückt: sie vögeln und sie hassen sich? Ist das die mögliche Moral von der Geschicht? Soll das die deutsch-polnischen Beziehungen kennzeichnen? Meine Bewunderung an dieser Stelle für die Leistung der beiden Laienschauspieler des AmateurTheater AN DER REIHE Schöneiche bei Berlin! Das muß sie enorme Fleißarbeit gekostet haben. Nur leider bieten die Rollen wenig schauspielerische Entfaltungsfreiheit. Das Publikum ist da schon freier: das wohl Amüsanteste an diesem Abend war eine ältere Dame in der ersten Reihe, die mehrfach energisch das Stück kommentierte: "Da, siehste!", "Selber schuld!" oder "och, die kriegen ja ganz kalte Füße!", da die Schauspieler barfuß agierten. Solch herzliches Begeisterungsvermögen im deutschen Publikum ist ein wunderbar erfrischendes Erlebnis! Wie dem auch sei, die Akteure werden schließlich mit heftigem Applaus belohnt. Welch dankbares Publikum! Allerdings ist es gerade die Reaktion des Publikums, die mich an diesem Abend am meisten erschüttert. Auf die Frage des Autors, ob man sich in der Rolle der deutschen Gattin wiedererkannt habe, wird ihm begeistert beigepflichtet. Warum um Himmels Willen fühlen sich die Zuschauer, insbesondere diese netten, älteren Damen in den ersten Reihen, so wunderbar verstanden und so herrlich wiedergegeben in der Figur dieser kamplüsternen deutschen Schreckschraube?! Ist das ihr Ernst? Wenn dieses Stück womöglich tatsächlich deutsche Eherealität dargestellt haben sollte, dann liegt sein didaktischer Wert für mich in der Lehre, nie im Leben zu heiraten und mich möglichst fern von polnischen Männern zu halten. Eine letzte Bemerkung noch: wer mehr über diesen Abend hören will, der schalte am 13.Februar zwischen 14:00 und 17:00 "Antenne Brandenburg" ein. Es wird einen Bericht geben über obige Uraufführung vom 22. Januar 2004 mit Redebeiträgen unter anderem der "netten älteren Damen" in der ersten Reihe. 30.1.2004