© Ragnar Knittel: ulica Kopernika

slubice.de & frankfurt.pl erhörte:

Lidl oder Aldi?
Zwischen Berlin und Slubice


(xan) Der Regionalexpress rauscht durch Berlin. Unter der ersten Klasse sitzen zwei Putzfrauen aus Slubice. Die eine müde vom Leben, erfahren, mütterlich und etwas roh. Das Leben der anderen hat gerade erst begonnen. In die sanften Züge ihres Gesichts mischen sich Stolz, Unsicherheit und Hoffnung. Ich sitze mit meinem Computer neben ihnen - ihr Nachbar aus Slubice, eigentlich aus Berlin. "Und was schreibt er", fragt sogleich die Alte. "Ich kann nichts sehen." "Ach weißt Du", setzten sie ihr Gespräch fort, "Aldi mag ich nicht, geh ich nicht hin, aber Lidl ist schon was anderes". Die ältere Slubicerin mustert meinen Computer und setzt gleich wieder an: "Warum gründet deiner nicht einfach eine Firma, soll er doch einfach zu einer Beratung gehen und eine kleine Firma gründen, bei uns denken die Leute immer nur das eine: Handel, Handel, Handel". "Der Handel wird vielleicht irgendwann eingehen, aber in Slubice - niemals", erwidert die Jüngere. "Bei Rossmann gibts wohl eine Sonderaktion, die Leute tragen Spülmittel über die Grenze", nimmt ihre Begleiterin den Faden wieder auf. "Also ich habe da heute Taschentücher gekauft, ich mag ja polnische nicht, weil die immer dünner sind, naja härter, du weißt schon. Ein ganzes Packet für 99 Cent, und dieses Toilettenpapier, das dunkle, das habe ich nie im Leben gekauft, aber in Slubice hat das letztens ein Mütterchen gekauft, da bin ich vor Scham im Boden versunken. Ich mag unsere Joghurts auch nicht. Die deutschen, die haben richtigen Geschmack, bei polnischen da isst man und hat das Gefühl, dass man Kartoffelmehl auf der Zunge hat". Nicken. "Also der Computer von ihm sieht schon nicht schlecht aus, aber money, money, money." Schweigen. "Kennste den: kommt eine Frau zum Artzt, und er: sie waren aber lange nicht hier? Tja, ich war halt eine Weile krank." "Aber weißt Du was - wir brauchen uns keine Sorgen zu machen. So lange wir am Leben sind, wird es auch Schwarzarbeit geben". Nach dieser Feststellung, wir haben bereits Fürstenwalde durchquert, schlummern beide ein. Bis sie die Ansage des Regionalexpress aufweckt: "Dziekujemy ze panstwo korzystalo z DB Regio" . 2.2.2004