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Freundliches Frankfurt:
Strandgut auf Ziegenwerder


Von Sören Urbansky Die Frankfurter lieben ihren Ziegenwerder, denn der Blick vom "Europagarten" über die Oder nach Polen ist idyllisch. An der Uferpromenade wähnen sich Spaziergänger nicht nachgerade an einem natürlichen Limes, der noch das "alte" vom "neuen" Europa trennt. Doch vor wenigen Tagen war das anders. "Schaut, da treibt ein Mensch im Wasser!" Ein kleines Mädchen bemerkt als Erstes den Mann, der auf das deutsche Ufer zuschwimmt. Der flache Strom, an dieser Stelle etwa hundert Meter breit, fließt schnell. Nur der Rucksack ist auszumachen, den der Mann auf seinem Rücken trägt. Kein Extremsportler schwimmt mit Gepäck. Also ist es ein illegaler Einwanderer! Mit letzter Kraft erreicht er die Insel, mit der das gelobte Land beginnt. Viele ertrinken beim Versuch, den Fluss zu durchqueren. Ihre genaue Ziffer kennt niemand. "Vier- bis fünfmal pro Tag greift der BGS entlang der Oder jemanden auf", weiß der Wachmann von der CKV Security, der das Eden "Europagarten" bewacht. Erschöpft sitzt der Flüchtling im Gras und zieht sich eine lange Hose an. Einige Flaneure bleiben kurz stehen, um zu beobachten, was passiert. Der etwa 30-Jährige hockt frierend am Ufer. Gerade 11 Grad hat die Oder Mitte April. Nach einer Viertelstunde taucht ein Patrouillenboot des BGS auf. Jemand hatte pflichtbewusst Meldung erstattet. Bürger sichern die Grenze! Zwei der drei Besatzungsmitglieder gehen von Bord. Widerstandslos lässt sich der völlig entkräftete Flüchtling durchsuchen und festnehmen. Er entpuppt sich als Kasache. Der Kapitän reicht eine Decke zum Aufwärmen. Sie nehmen den ungebetenen Gast mit aufs Hinterdeck. Die Geschichte ist schon hundertmal erzählt. Kinofilme über den Traum Europa, die Festung Europa kennt jeder: "Lichter" spielt sogar in Frankfurt an der Oder. Das Schicksal des Flüchtlings wäre nicht mal eine Notiz, wenn beim Ablegen des Wachbootes nicht ein Malheur passiert wäre: Nahe der Buhne läuft BG 43 auf Grund. Die drei Grenzschützer und der Flüchtling haben Schieflage im internationalen Gewässer. 4,06 Meter misst der Stand der Oder, das ist noch beträchtlich über dem Jahresmittel. "Na super, die müssten ja eigentlich wissen, wo die Fahrrinne liegt", sagt ein Schaulustiger. "Schön schief jejangen", meint ein anderer. Die Szene ist mit einem Mal nicht mehr die der Festnahme eines illegalen Einwanderers, sondern eine Blamage des BGS. Es wird gelacht. Acht Grenzschützer und ein Hund eilen vom Ufer zu Hilfe. "Ihr müsst alle auf den Bug gehen", meint einer der Uniformierten. "Geht lieber alle von Bord", entgegnet der am Steuer. Die Oder gibt das Boot nicht frei. Drei polnische Studenten der Viadrina beobachten das Schauspiel. "Für diese Dummheit müssten die Grenzschützer den Kasachen eigentlich wieder laufen lassen", findet Adam. Der Jurastudent kann seine Schadenfreude nicht ganz verbergen, denn die täglichen Kontrollen auf der Stadtbrücke sind zwar richtig, aber unangenehm. Und der "Hinweis aus der Bevölkerung", der den Traum des Kasachen hat platzen lassen, regt den Polen auf. "Typisch ostdeutsch", findet Adam, "dass alles gemeldet wird." Wie viele Passanten teilen sein Mitleid mit dem Flüchtling? Hat Adam nur Mitleid, weil der Einwanderer nicht in Polen, sondern in Deutschland Asyl suchte? Fragen, die hier in diesem Moment keiner stellt. Denn die Attraktion ist nun das Boot. "Mach doch mal die Leuchte an, dann siehste besser!", ruft ein Mann im Vorbeigehen etwas hämisch, als die Dämmerung eingesetzt hat. Wenn Polen am 1. Mai der EU beitritt, werden die Zollschranken fallen. Die Grenzkontrollen bleiben, vorerst. Dann wird der Bug genauso streng bewacht wie die Oder. Einen doppelten Limes gilt es zu durchschwimmen. Erst danach heißt es: Willkommen in Europa! Jedoch nur, wenn kein aufmerksamer Bürger die BGS-Hotline wählt 27.4.2004

- Dieser Text erschien zuvor in der tageszeitung
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