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slubice.de & frankfurt.pl bemerkte:

Eine Region, zwei Arbeitsmärkte
Nationale Gesetze verhindern gemeinsames Handeln


Von Angelika Basdorf

Genowefa Borowiak hat keine leichte Aufgabe. Sie leitet das Arbeitsamt von Słubice, wo die Arbeitslosenquote im Moment bei 25,5, Prozent liegt. Damit ist die Situation in der polnischen Grenzstadt sogar noch schlechter als im Nachbarort auf deutscher Seite. In Frankfurt (Oder) sind 19 Prozent der Erwerbsfähigen ohne Arbeit.

Seit 1999 finden zwischen den beiden Arbeitsämtern mindestens viermal im Jahr Konsultationen statt. Sie tauschen Daten aller Arbeitsmarktfelder aus und informieren sich wechselseitig in Fragen der Arbeitsberatung. Dadurch, so Borowiak, habe man genaue Kenntnis über Veränderungen auf der anderen Seite der Grenze und könne prophylaktische Maßnahmen der Beratung und Steuerung ergreifen. Dagegen dürfen die Kollegen aus den beiden Arbeitsämtern nicht ihre Stellenangebote und ñgesuche abgleichen. Denn noch verbieten die Gesetze eine wechselseitige ÷ffnung des Arbeitsmarktes. Dabei hält sowohl in Frankfurt (Oder) als auch in Słubice der Trend an, dass junge, gut ausgebildete Kräfte die Region verlassen, von Frankfurt aus in Richtung alte Bundesländer, von Słubice aus in Richtung Zentral- und Ostpolen. So prognostiziert die Arbeitsamtsleiterin für die nahe Zukunft einen Umkehrtrend: "Für die ortsansässigen Firmen werden Arbeitskräfte Mangelware sein. Deshalb sind wir auf alle Fälle daran interessiert, unseren Arbeitsmarkt deutschen Kräften zugänglich zu machen." Borowiak sieht nicht ein, warum sie sich in Zentralpolen oder noch weiter östlich um Arbeit Suchende bemühen soll, wenn es sozusagen vor der Haustür Menschen mit den gesuchten Profilen gibt.

Als charakteristisches Beispiel für ihr Dilemma schildert Borowiak, dass es andererseits in diesem Jahr mehrere deutsche Firmen gab, die ihr ihre Arbeitsangebote übergeben wollten. Die Gesetzeslage sieht jedoch vor, dass solche Anfragen über das Arbeitsministerium in Warschau laufen müssen, was eine Verzögerung von drei bis vier Monaten bedeutet. So lange konnten die Firmen nicht warten, und Borowiak tat es sehr Leid, nicht direkt vermitteln zu dürfen, denn die benötigten Arbeitskräfte hatte sie in ihrer Kartei. So kamen Angebot und Nachfrage, die zusammen passten, wegen polnischer Rechtsvorschriften nicht zusammen.

Auch im Arbeitsamt Frankfurt (Oder) werden diese Einschränkungen bedauert. Während man hier jedoch glaubt, die siebenjährige Ðbergangsfrist zur Arbeitnehmerfreizügigkeit nicht beeinflussen zu können, ist man auf polnischer Seite optimistischer. Genowefa Borowiak hofft, dass in spätestens drei bis vier Jahren eine ÷ffnung des Arbeitsmarktes erfolgt, weil die deutsche Befürchtung einer Marktüberschwemmung mit polnischen Arbeitskräften nicht eintreten wird. Als Gründe nennt sie die Sprachbarriere, das Qualifikationsniveau und Immobilität. Außerdem werde die zunehmende Ansiedlung westlicher Firmen in Polen dazu führen, dass Arbeitsemigration in größerem Umfang nicht notwendig ist.

Auch Dietmar Goretzki vom Arbeitsamt Frankfurt (Oder) hat diesbezüglich keine Befürchtungen, im Gegenteil: "Der Abbau der sozialen Unterschiede in der Grenzregion bietet die Chance zur Entstehung vieler neuer Arbeitsplätze. Unsere Region rückt von der Randlage in das Zentrum Europas."

- Der Text erschien zuvor im Magazin des Deutschen Handwerksblatts. Weitere Texte der Autorin finden Sie im Internet unter www.basdorf.com 31.8.2004