© Ragnar Knittel: Abendstimmung

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Wahre Grenzübertritte VI
ein Inder auf der Brücke


Von Agnieszka Gregorczuk

Als Studentin der Europa-Universität Viadrina überquerte ich jeden Tag die Stadtbrücke. Zur täglichen Pendelei zwischen Słubice und Frankfurt/Oder gehörten nicht nur die langen Schlangen vor dem Grenzübergang, sondern auch die sogenannte "Brückenlandschaft". Die Taxi-Mafia, die polnischen Jugendlichen, die rücksichtslos jedes deutsche Auto waschen wollten, eine etwas ältere Rumänin, die mir immer wieder kitschige Glasblumen oder Schwäne anbot, ein polnischer Bettler in seinem Rollstuhl... Und natürlich all die Straßenmusiker, die mit ihren Akkordeons oder Trompeten ein bisschen Geld von den Passanten verdienen wollten. Neben der ganzen Kitschgesellschaft fiel mir im ersten Semester ein etwa 50-jähriger Inder auf, der ein Stück abseits der Grenzbrücke mit seiner Klarinette stand. Schön hat er gespielt, er muss ein gebildeter Musiker gewesen sein. Doch sein Aussehen widersprach der Musik: jeden Tag trug der Inder denselben billigen Turnanzug und dieselben schmutzigen Schuhe. Und sein ungepflegter Bart wurde von Woche zu Woche länger. Eigentlich sah er auf den ersten Blick ziemlich abstoßend aus. Aber seine friedliche Art, und vor allem die schöne, etwas melancholische Musik, die er spielte, lies den alten Inder in einem ganz anderen Licht erscheinen. So warf ich immer ein paar Münzen in seinen leeren Klarinettenkoffer. Der indische Musiker erkannte mich jeden Tag schon von ferne, und immer wenn ich vorbei lief, nickte er mit seiner Klarinette wie ein Elefant mit dem Rüssel, ohne das Spielen zu unterbrechen. Bei jedem Wetter - ob es schneite oder regnete - wusste ich, dass der Inder an der Brücke steht. Er gehörte zu der Grenzlandschaft, so wie eben der Fluß und die Brücke selbst.

Dass er Inder ist, erfuhr ich in unserem einzigen Gespräch. Er erzählte mir auf Englisch, dass die Grenzbrücke für ihn nur ein Zwangshalt sei. Denn eigentlich wolle er nach Spanien ñ nach Madrid oder Barcelona, nur die polnischen Zöllner ließen ihn nicht durch. Um dies zu schaffen, müsste er genug Geld an der Grenze vorweisen, mit dem er im Ausland auskäme. Es dauerte noch eine Weile, bis er die erforderliche Summe zusammen habe, meinte der indische Musiker. Aber sobald es soweit sei, fahre er eben sofort nach Spanien.

Kurz nach unserem Gespräch begannen die Winterferien an der Uni, und wie die meisten Studenten, fuhr auch ich für 2 Monate nach Hause. Als ich dann wieder in Frankfurt auftauchte, war der indische Musiker weg. Noch ein paar Tage lang hoffte ich, dass er nur bloß ein wenig krank ist, dass er bald wieder kommt. Doch sein Platz abseits der Brücke blieb leer. So, endlich hat er es geschafft, endlich durfte er über die Grenze, dachte ich ein wenig traurig. Denn obwohl ich mich für den Inder gefreut habe, spürte ich noch eine gewisse Lücke in der "Brückenlandschaft".

Diese Geschichte erzähle ich meistens nur bis zur Hälfte. Ich lasse meine Zuhörer glauben, dass der alte Inder jetzt im sonnigen Spanien mit seiner Klarinette Geld verdient. Vom wahre Ende der Geschichte, das ich erst später zufällig erfuhr, erzähle ich nur den Leuten, die ich wirklich gut kenne. Denn inzwischen habe ich gemerkt, dass die meisten Menschen keine unbequemen Wahrheiten mögen. Und die wahre Geschichte des Inders endet nicht etwa in Madrit oder Barcelona, sondern hier, an der Oder. Der Inder wurde von der polnischen Taxi-Mafia umgebracht, weil er mit ihnen sein Einkommen nicht teilen wollte. Seine Leiche fand die Polizei ein paar Tage später unter der Stadtbrücke. 15.9.2004