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Von Agnieszka Gregorczuk
Als Studentin der Europa-Universität Viadrina überquerte ich jeden Tag die
Stadtbrücke. Zur täglichen Pendelei zwischen Słubice und Frankfurt/Oder
gehörten nicht nur die langen Schlangen vor dem Grenzübergang, sondern auch
die sogenannte "Brückenlandschaft". Die Taxi-Mafia, die polnischen
Jugendlichen, die rücksichtslos jedes deutsche Auto waschen wollten, eine
etwas ältere Rumänin, die mir immer wieder kitschige Glasblumen oder Schwäne
anbot, ein polnischer Bettler in seinem Rollstuhl... Und natürlich all die
Straßenmusiker, die mit ihren Akkordeons oder Trompeten ein bisschen Geld
von den Passanten verdienen wollten. Neben der ganzen Kitschgesellschaft
fiel mir im ersten Semester ein etwa 50-jähriger Inder auf, der ein Stück
abseits der Grenzbrücke mit seiner Klarinette stand. Schön hat er gespielt,
er muss ein gebildeter Musiker gewesen sein. Doch sein Aussehen widersprach
der Musik: jeden Tag trug der Inder denselben billigen Turnanzug und
dieselben schmutzigen Schuhe. Und sein ungepflegter Bart wurde von Woche zu
Woche länger. Eigentlich sah er auf den ersten Blick ziemlich abstoßend aus.
Aber seine friedliche Art, und vor allem die schöne, etwas melancholische
Musik, die er spielte, lies den alten Inder in einem ganz anderen Licht
erscheinen. So warf ich immer ein paar Münzen in seinen leeren
Klarinettenkoffer. Der indische Musiker erkannte mich jeden Tag schon von
ferne, und immer wenn ich vorbei lief, nickte er mit seiner Klarinette wie
ein Elefant mit dem Rüssel, ohne das Spielen zu unterbrechen. Bei jedem
Wetter - ob es schneite oder regnete - wusste ich, dass der Inder an der
Brücke steht. Er gehörte zu der Grenzlandschaft, so wie eben der Fluß und
die Brücke selbst.
Dass er Inder ist, erfuhr ich in unserem einzigen Gespräch. Er erzählte mir
auf Englisch, dass die Grenzbrücke für ihn nur ein Zwangshalt sei. Denn
eigentlich wolle er nach Spanien ñ nach Madrid oder Barcelona, nur die
polnischen Zöllner ließen ihn nicht durch. Um dies zu schaffen, müsste er
genug Geld an der Grenze vorweisen, mit dem er im Ausland auskäme. Es
dauerte noch eine Weile, bis er die erforderliche Summe zusammen habe,
meinte der indische Musiker. Aber sobald es soweit sei, fahre er eben sofort
nach Spanien.
Kurz nach unserem Gespräch begannen die Winterferien an der Uni, und wie die
meisten Studenten, fuhr auch ich für 2 Monate nach Hause. Als ich dann
wieder in Frankfurt auftauchte, war der indische Musiker weg. Noch ein paar
Tage lang hoffte ich, dass er nur bloß ein wenig krank ist, dass er bald
wieder kommt. Doch sein Platz abseits der Brücke blieb leer. So, endlich hat
er es geschafft, endlich durfte er über die Grenze, dachte ich ein wenig
traurig. Denn obwohl ich mich für den Inder gefreut habe, spürte ich noch
eine gewisse Lücke in der "Brückenlandschaft".
Diese Geschichte erzähle ich meistens nur bis zur Hälfte. Ich lasse meine
Zuhörer glauben, dass der alte Inder jetzt im sonnigen Spanien mit seiner
Klarinette Geld verdient. Vom wahre Ende der Geschichte, das ich erst später
zufällig erfuhr, erzähle ich nur den Leuten, die ich wirklich gut kenne.
Denn inzwischen habe ich gemerkt, dass die meisten Menschen keine unbequemen
Wahrheiten mögen. Und die wahre Geschichte des Inders endet nicht etwa in
Madrit oder Barcelona, sondern hier, an der Oder. Der Inder wurde von der
polnischen Taxi-Mafia umgebracht, weil er mit ihnen sein Einkommen nicht
teilen wollte. Seine Leiche fand die Polizei ein paar Tage später unter der
Stadtbrücke.
15.9.2004
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