© Ragnar Knittel: Brutale Idylle

slubice.de & frankfurt.pl enthüllt:

Geheimpakt:
deutsche Touristen enttarnt


(xan) Man erkennt die älteren deutschen Gäste in Polen schon von weitem. Und dies nicht, weil sie sich auffällig nach ihren verlorenen Gütern umsehen oder ihre germanischen Gesichtszüge stark hervortreten würden. Auch ihre Angewohnheit, ganze Zigarettenstangen in dunklen Plastiktüten bei sich zu führen oder ihre Vorliebe für Handgelenktaschen (in Polen Pederastka genannt) sind nicht weiter bemerkenswert. Man erkennt sie gerade deshalb von weitem, weil man sie nicht erkennen kann. Sie tauchen zumeist in Gruppen auf, die sich farblich so gut in die polnische Umgebung einfügen, dass sie perfekt getarnt sind. Einem Chamäleon gleich, haben sie sich in den vergangenen Jahren bestens an das Antlitz polnischer Städte angepasst. Wie die noch immer etwas blassen Fassaden in vielen Städten im Grenzgebiet und in anderen vormals deutschen Regionen sind sie in Beige, Grau, ein zartes Olivgrün oder wässriges Braun gehüllt. Die Extravaganten unter den Touristen, bevorzugen strahlendes Mintgrün oder Türkis. Doch auch dieses schmückt in Polen bereits in jeder Stadt eine Fassade. Wenn renoviert wird, soll eine der Modefarben auch weithin zu sehen sein.

Der Geheimpakt: polnische Fassaden & deutsche Konfektion lässt sich dieser Tage in perfekter Harmonie im ermländischen Olsztyn beobachten, wo eine deutsche Gruppe nach der anderen über den volkspolnisch anmutenden Markt geschleust wird. Es sind so viele und sie sind so durchgehend modisch gekleidet, dass die wiederaufgebaute Stadt mit ihren Besuchern (unter ihnen immer weniger vormalige Bewohner) zu einem gemeinsamen Bild verschmelzen.

Interessant bleibt, was passiert, wenn die deutschen Rentnerkollektionen via Altkleidercontainer in polnischen Second-Hand-Läden (vornehmlich Lumpex, Westkleidung, oder Euroklamotten genannt) landen. Vermischt sich das Antlitz der heutigen Bewohner dann mit dem der vormaligen Stadtbevölkerung? Werden auch die polnischen Bürger unsichtbar? Wird man unter diesen Umständen Deutsche in Polen noch immer von weitem erkennen können? Oder werden sie sich auflösen, anpassen, integrieren? 24.9.2004