© Ragnar Knittel: Stadtkulisse mit Frau

slubice.de & frankfurt.pl empfiehlt:

Schon Probegewohnt?
Live vom plac Bohaterów


Von Juliane Strauß Wie wär´s mit einem Balkon ganz für dich allein oder mit Freunden zum absoluten Nulltarif? In bester Slubicer Wohnlage, zur sonnigen Südseite ausgerichtet, ausgestattet mit einem Tisch, drei Hockern, Grill und Holzkohle und dazu noch extra für dich oder euch frisch gestrichen in deiner Lieblingsfarbe? Na, klingt doch verlockend!  Eine Besonderheit hat dieser Balkon allerdings: er ist in Höhe des ersten Stocks an einem Baugerüst befestigt, das mitten auf dem Slubicer "Plac Bohaterów", dem "Platz der Helden" steht.  Schön ist es dort! So ruhig. Nachdem man sich ein wenig eingerichtet hat für 2, 3 oder 10 Stunden Probewohnen, die Wände hübsch dekoriert, den Kaffee ausgepackt und sich in die Decke gekuschelt hat, kann man einfach nur dasitzen, schnacken, der Sonne beim Unter- und den Passanten beim Vorbeigehen zuschauen, Kaffee schlürfen und den Platz beobachten. Hat man Musik dabei, Typ "Amélie", verwandelt sich der Platz unmerklich in eine Filmszene. So hat man Slubice noch nie gesehen! Ob man sich dabei nicht ein bißchen doof vorkommt, wie in einem Schaukasten? Nein, erstaunlicherweise nicht. Zum einen fühlt man sich überraschend schnell heimisch in seinen 3 Wänden. Zum anderen muß man tatsächlich ab und zu mal  aufstehen und um die Balkonwand herum gucken, ob nicht doch vielleicht über, unter oder neben einem noch 50 Balkone hängt - man kommt sich so überraschend normal vor! Als säße man halt in einem normalen Plattenbau-Balkon, nicht in einem, der an ein Baugerüst gebastelt mitten auf einem freien Platz steht. Schließlich nehmen die Vorbeigehenden kaum Notiz von einem - haben die Menschen das Wundern verlernt? Oder trauen sie sich nur nicht?

- Weitere Informationen gibt´s unter www.slubfurt.net

- Der Künstler im Internet:  www.hasucha.de

Die Redaktion warnt:

(xan) Achtung, Achtung: wohnen Sie nicht des nachts in Slubfurt zur Probe! Sonst könnte Ihnen folgende Szene passieren: sie sitzen zu Hause auf dem Balkon und bewundern die mondhelle Nacht bei einem Schluck Bier. Irgendwann, nachdem lange keine Seele den Platz betreten hatte, tauchen am Fuße des Luftgebäudes zwei Zivilpolizisten auf, leuchten die Probewohnung aus und bitten auf die Straße. "Wir wohnen hier und laden Sie ein, zu uns zu kommen", rufen die Bewohner zurück. Die Polizisten fackeln nicht lang und erklimmen den ersten Stock, stehen mitten im Wohnzimmer und bitten die Wohnung  zu verlassen. "Meine Herren, bitte überprüfen Sie unsere Daten hier oben, wir würden gerne noch ein wenig verweilen". Der eine Polizist gibt den Bösen: "Wissen sie, wie man in Deutschland kontrolliert wird, Beine breit, Hände an die Wand, wie bei der Gestapo". Der andere versucht zu vermitteln: "Kommen sie mit uns nach unten, sonst rufen wir den Einsatzwagen, sie kommen in Untersuchungshaft und werden dem Amtsrichter vorgeführt". Während die nächtlichen Probebewohner der Doppelstadt höflich darauf hinweisen, dass es sich um ein angemeldetes Kunstprojekt handelt, wird der Böse ungeduldig: "Sind Sie behindert? Haben Sie in der Schule nicht aufgepasst?". Erneute Versuche, die Situation zu klären: "Schließlich haben wir niemanden gestört". Der sanfte Polizist zeigt in den Himmel: "Wenn dem so ist, da haben eben hier oben im dritten Stock die Nachbarn angerufen. Dzislaw Wisniewski meldete eine nächtliche Ruhestörung." Inzwischen ist der Einsatzwagen vorgefahren, die Gesellschaft begibt sich nach unten, die Pässe werden überprüft. Ein versöhnlicher Ton wird angeschlagen: "Meine Herren, wir leben alle in einer Stadt, in einer Welt und es gibt wirklich andere Probleme als virtuelle nächtliche Ruhestörung auf einem virtuellen Balkon. Und außerdem sind Sie nun auch jetzt Teil des künstlerischen Projekts!". Der sanfte Polizist erwidert: "Ja sehr gerne." Der böse:  "Und wenn ich auf die Brücke scheiße, dann ist das auch Kunst, oder? Und was ist, wenn das jemanden stört?" "Mit dem Unterschied, dass es sich hier um ein genehmigtes Projekt handelt, der Bürgermeister, der Stadtarchitekt, das Kulturhaus, alle sind eingeweiht". "Und was, wenn ich einfach auf die Brücke scheißen will, einfach so, spontan, ist das dann auch Kunst?". Die Kontrolle von Visagen, Pässen, Rücksäcken ergibt keine Anhaltspunkte. Nach einer mündlichen Verwarnung, dass der Genuss von Alkohol im öffentlichen Raum verboten sei, wird der Versuch, in Slubfurt zu nächtigen, abgebrochen. 28.10.2004