© Ragnar Knittel: Abendstimmung

slubice.de & franfurt.pl erzählt:

Der lange Weg nach Osten
Ein Weihnachtsmärchen


(tsch) Zwei, Eins, Vier ­ wieder keine Sechs! So kann Elisabeth nicht einsetzen und das Spiel läuft weiter an ihr vorüber. Sie lehnt sich zurück in die Kissen des Kanapees und läßt Heilig Abend noch einmal Revue passieren. Mittags hatten sie alle zusammen gekocht ­ góralska cuisine nouvelle mit Sauerkraut, oder so ähnlich. Waren dann beim Krippenspiel in der Gertraudenkirche und anschließend auf einem Spaziergang am Slubicer Oderufer gewesen. Abends waren Freunde vorbeigekommen, man hatte in vielen Sprachen gesungen und getanzt, angestoßen. Weihnachten 2008 in einer ganz gewöhnlichen Frankfurter WG: Pierre kommt aus Gennevilliers bei Paris, Elisabeth aus Erlangen, Ania aus der Gegend um Rzeszów in Südostpolen und Michael aus Berlin-Pankow. Wie die meisten der 10.000 Studenten der trinationalen Stiftungsuni haben sie sich entschlossen, dem Trend zu folgen und die Festtage an der Oder zu verbringen. Die wenigen Studenten, die noch in Berlin wohnen, haben sich für diese Zeit bei Freunden in Frankfurt einquartiert. Längst ist der Reiz der einst bunten Nischen-Metropole an der Spree dem Schick einer Yuppie-City schwäbischer Webdesigner gewichen. Wen wundert¹s da, dass mittlerweile Hunderte von HU-Studenten täglich von Frankfurt nach Berlin pendeln. Michael flezt im Sessel. Aus seinem glänzend roten Gesicht läßt sich keine Spielstrategie lesen, dafür aber der Genuss des Muskatweins. "Erzähl mehr von früher!", bittet er Elisabeth. Geradezu unglaublich waren ihre Erzählungen von der Ghettoisierung der polnischen Studenten noch vor wenigen Jahren.  Elisabeth holt tief Luft, sie spürt den Schmerz langsam in sich aufsteigen. Damals hatten in den Slubicer Wohnheimen nur Polen gewohnt. Für die meisten waren die Mieten in Frankfurt zu hoch gewesen. Auch die geringe Anzahl von deutschen Studenten, die auf Slubicer Seite wohnten, scheint ihr heute unbegreiflich. Sie erzählt, dass Polen und Deutsche gemeinsam studierten, aber getrennt wohnten, getrennt feierten, getrennt liebten und lebten. Saß man tagsüber noch in den selben Seminarräumen, so verbrachte man den Abend  in anderen Kneipen und Wohnheimsküchen, in anderen Parks: am anderen Oderufer. So sehr die Vielsprachigkeit auf dem Campus verzaubert hatte, so sehr hatte die Einsprachigkeit im Mühlenweg und Gaudium enttäuscht. Ania kennt diese Geschichte, sie hat diese Zeit noch selbst miterlebt. Welch Glück aber heute hier zu sein! Ihr ist die Entscheidung, über die Feiertage zum ersten Mal nicht zu Hause zu verbringen, am schwersten gefallen. Mit ihren Eltern im fernen Zolynia hat sie schon telefoniert. Auch ihr Freund Przemek, der gerade in Krakau studiert, hat heute bereits zweimal angerufen. Übermorgen schon wird er für eine Woche zu Besuch kommen. Aber hätte der Heilige Abend daheim angenehmer sein können als hier? Plötzlich wird heiß diskutiert: vor allem zwei Regelungen der letzten Jahre sei es zu verdanken, erzählt Elisabeth aufgebracht, dass der Krankheitszustand der Trennung behoben sei. Zunächst wurde 2006 das Erlernen der polnischen Sprache für deutsche Studenten als Pflichtbestandteil aller Studienrichtungen an der Viadrina eingeführt. Bis dahin hätte das Polnischlektorat zwar zunehmenden, aber immer noch erschreckend niedrigen Zuspruch erfahren. Vielen Studenten, besonders den Bildungstouristen, die täglich zwischen ihrem Zuzüglerkiez am Berliner Ostbahnhof und der Oder pendelten, sei damals die haarsträubende Diskrepanz zwischen der Aufnahme des Studiums an der polnischen Grenze und der gleichzeitigen Aufnahme des Studiums der spanischen Sprache nicht aufgefallen. Diese notwendige Änderung der Studienordnung sei ein künstlicher Eingriff gewesen, wenngleich er nur den bestehenden Trend verstärkt hätte. Das Interesse an Polen, seiner Kultur und Sprache so wie die Zahl der Tandempartnerschaften wäre zwar im wachsen begriffen gewesen, dann aber explodiert. So selbstverständlich heute das breite Angebot polnischsprachiger Seminare im KVV der Viadrina sei, wäre früher ihre Abwesenheit gewesen. Was den Erstsemestlern Pierre und Michael jetzt als normal erscheine, sei der Verdienst selbstkritischer und konsequenter Korrekturen teilweise eklatanter Fehler seitens der Universitäts-, Studierenden- und Stadtpolitik in den ersten fünfzehn Jahren nach der Unineugründung. Der zweite entscheidende Schritt zur Auflösung monokulturell geprägter studentischer Mikrokosmen sei der  Zusammenarbeit der Frankfurter Wohnungsbaugesellschaft mit EU-Förderprogrammen zu verdanken. Seit 2007 könnten polnische Studierende ihre Miete in Frankfurter Wohnungen anteilig aus dem "crossboarder²-Topf der EU finanzieren lassen. In der Folge sei nicht nur eine Fülle von deutsch-polnischen Wohngemeinschaften entstanden, auch seien weite Teile Neuberesinchens vom drohenden Abriss verschohnt geblieben. Ania hatte so erst die Möglichkeit bekommen, zu ihr, Elisabeth, in die Ziegelstraße zu ziehen. Ähnliche Modelle hätten sich in Frankfurt auch nach dem europaweiten Scheitern der Sokrates/Erasmus-Programme für das Unterbringen von Austauschstudenten durchgesetzt. Anstatt ausländische Studenten durch Erasmusparties und programminternes Vernetzen von der "einheimischen² Studentenschaft gleichsam zu isolieren, würden Programme wie "crossboarder² beachtliche Erfolge kulturellen Austauschs erzielen. So auch in der Frankfurter WG, in der mittlerweile Elisabeth und Michael um den zweiten Platz spielen. Ania hat es tatsächlich geschafft, das Spiel zu gewinnen ohne eine Figur rauszuschmeißen. Und dann begann Pierre zu erzählen: es war einmal Weihnachten 2016... 24.12.2004