© Ragnar Knittel: Stadtkulisse mit Frau

slubice.de & frankfurt.pl proklamiert:

Kampf der Kulturen
Ab Mitternacht wird zurück geschossen


(tsch) Słubice hatte sich an der eigens errichteten Bühne zwischen Brücke und Zigarettenstraße eingefunden, auf der eine Lederjackenlanghaarcombo polnische und englische Evergreens zum Besten gab. Stunden vor Mitternacht wurden bereits die ersten Raketen gezündet, einige auch waagerecht die Uferstraße entlang. Manch betroffener Passant bewies bei dieser eigentümlichen Reflexschulung wenig Sinn für Humor. Auf der westlichen Oderseite blieb bis kurz vor Zwölf der Himmel dunkel. Hatten sich die Frankfurter, dem Rat ihrer Volkstribunen und Polizeipräsidenten folgend, für Fluthilfe und Wunderkerzen statt Feuerwerk und “Polenböller³ entschieden? Oder war vielleicht angesichts des bevorstehenden Katastrophenjahres (Hartz IV, Bushbesuch, drohender 1-zu-3-Zlotykurs) niemandem nach Feiern zu Mute? Nein, nichts von alledem. Erst als die Fernsehuhren mit Countdown den Übergang ins neue Jahr sekundengenau in den Wohnstuben anzeigten, griff auch der Frankfurter Familienvater nach seinem umfangreichen Raketenset und ließ es mal so richtig krachen. Die pünktlichen Explosionen in Frankfurt verkündeten von dem, was man der pyrotechnischen Dramaturgie über Słubice nicht genau entnehmen konnte: Mitternacht! Neujahr! 2005! Die Wahrscheinlichkeit sich Verletzungen zuzuziehen, war in dieser Nacht ausgesprochen hoch. Ging die Gefahr auf Frankfurter Seite eher von Fehlzündungen und gezielt gegen die Mitbürger eingesetzten Böllern und Raketen aus, so war die Bedrohung jenseits der Oder konkreter. Die von Wodka, Schwarzpulver und der Ausgelassenheit des Abends berauschte Jugend trat sich vor der “Arenka³ in Magen und Nieren, prügelte sich im Studentenwohnheim blutig, pöbelte am plac Bohaterów und warf in den Seitenstraßen mit Flaschen auf alles was sich bewegte. Einige angereiste Besucher konnten so unvergessliche Eindrücke sammeln. Die Stimmung an der Bühne war hingegen ungebrochen gut. Ungeachtet der Temperaturen präsentierte sich die Damenwelt kurzröckig und hochhackig. Fremde lagen sich in den Armen, jedem wurde ein "Frohes Neues" bzw. "Alles Beste" gewünscht. Wer nicht schon in den Rabatten lag, wagte ein Tänzchen ­ bevorzugt auch mit einer neuen Bekanntschaft. Prosit Neujahr! 4.1.2005

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