© Ragnar Knittel: Stadtkulisse mit Frau

slubice.de & frankfurt.pl fragt:

Żadnej przyjaźni
Keine Chance auf interkulturelle Verständigung?


Das für Alexander von Waldow geltende Hausverbot für das Schloss Mehrenthin wurde nach der zwölf-stündigen Mediation im Rahmen von "Terra Transoderana" aufgehoben. Die Eigentümer des Schlosses teilten auf Anfrage mit, von Waldow sei zwar nicht mehr als Freund des Hauses, aber doch als Hotelgast willkommen. Im Einverständnis mit den Beteiligten lädt eine der beiden Mediatorinnen  heute mit einigem Abstand zu einem Perspektivwechsel ein.

Von Gundula Gwenn Hiller

Bei der Mediation, die ich gemeinsam mit Joanna Plizga druchgeführt habe, handelt es sich  um ein Verfahren, das seit mehreren Jahrzehnten erfolgreich bei verfahrenen Konflikten eingesetzt wird. Es geht dabei nicht darum, juristische Fragen zu klären - dafür gibt es Rechtsanwälte und Gerichte. Die Mediation bildet einen geschützten Rahmen für einen Dialog in Situationen, in denen kein Dialog mehr möglich ist. In diesem können Missverständnisse und Interessen, die hinter verhärteten Positionen stecken, geklärt werden. Es handelte sich im vorliegenden Fall um einen sehr komplizierten Konflikt zwischen Deutschen und Polen, der durch ein altes, ewiggestriges, aber auch ­ aus Sicht Mancher - letztlich ewig ungeklärtes Thema verursacht wurde. Zugrunde lagen dabei 60 Jahre lang bestehende, versteinerte Positionen eines Teils der Vertriebenen. So war den Mediatorinnen klar, dass dieser Konflikt in der Mediation nicht zu bearbeiten ist. Uns interessierte dabei nur die Ebene des zwischenmenschlichen Konflikts und die Frage, ob eine Versöhnung trotz dieses letztlich historisch begründeten, überpersönlichen Konflikts möglich sei. Auch für uns war es dabei nicht einfach, die verschiedenen Konfliktebenen aufzudröseln.

Der Konflikt

Der uns im Vorfeld der Mediation dargestellte Konflikt war folgender: Als Piotr Nowakowski, 56 und Piotr Olewinski, 56, im Jahre 1998 das vollkommen herunter gekommene Schloss erwarben, nahmen sie augenblicklich Kontakt mit der auf der ganzen Welt zerstreuten Familie der Vorkriegsbesitzer auf. Es entwickelte sich ein herzlicher Kontakt, der mit der Ausrichtung eines Familienfestes der Familie von Waldow im mittlerweile restaurierten Schlosshotel Mierzecin gipfelte. Dieser nahm ein jähes Ende als Alexander von Waldow, 82, der sich als Vertreter der vor dem zweiten Weltkrieg über das Schloss verfügenden Familie versteht, öffentlich Anspruch auf das Schloss erhob. Zwar distanzierte sich die gesamte Familie von Alexander von Waldow, doch hatte dieser bereits trotz mehrfach geäußerter Freundschaftsbekundungen einen schweren Vertrauensbruch begangen. Alexander von Waldow ist Mitbegründer und Aufsichtsratsmitglied der Preußischen Treuhand und tritt regelmäßig öffentlich mit seinen Forderungen auf. Nowakowski und Olewinski sprachen von Waldow ein Hausverbot aus, beide Parteien hatten seitdem keinerlei Kontakt miteinander.

Die Konfliktebenen: 1. Zwischenstaatlich

Wir haben es beim Thema Vertreibung und deren historischen Begleitumstände mit Phänomenen zu tun, die jahrzehntelang auf beiden Seiten der Oder tabubehaftet war. Nach der Wende entwickelten sich die deutsch-polnischen Beziehungen überraschend schnell sehr positiv, und  auf nationaler Ebene begannen die  Polen eine vorsichtige historische Aufarbeitung ihrer nationalen Tabuthemen. Die Rede des polnischen Außenministers Bartoszewski 1995, in der er sein Bedauern über die Grausamkeiten gegenüber den deutschen Vertriebenen ausdrückte, setzte eine neue Debatte über das Thema ein. Und plötzlich hauten die Vertriebenen, die man eigentlich als fast schon ausgestorben wähnte, auf die Pauke, formierten  sich als “Preußische Treuhand³, und verschafften sich über Personen wie dem gebildeten, rhetorisch gewandten Professor von Waldow eine Stimme. Diese Forderungen werden vom Gros der Deutschen wenig ernst genommen, die einen ärgern sich über sie, andere belächeln ihre Vertreter mehr oder weniger als senile Randgruppe ­ bei den Polen sieht das anders aus: Die Preußische Treuhand ist Medien-Superstar, und natürlich bestätigen ihre Anhänger die alten polnischen Ängste über territoriale Übergriffe der Deutschen. Bei einer Mediation zu diesem politischen Thema müssten die Vertreter der beiden Regierungen an einem Tisch sitzen. Das könnte vielleicht ein weiteres Hochschaukeln der gegenseitigen Verstimmungen abfangen. Oder Journalisten, um sie dafür zu sensibilisieren, wie destruktiv Berichterstattung sein kann. Die Rechtmäßigkeit der Eigentumsfrage zu klären, ist letztlich Sache von Juristen.

2. Zwischenmenschliche Verstimmungen

In dem Mediationsgespräch konnten einige Missverständnisse zwischen den Beteiligten geklärt werden: So lag zum Beispiel der Beginn des Konflikts zwischen den beiden Parteien, begründet in der Aussage von Waldows in einer Fernsehreportage, dass er den neuen Besitzern das Schloss zehn bis zwanzig Jahre lang verpachten würde. Während der Mediation konnte jedoch geklärt werden, dass es sich bei dieser Aussage um eine aus dem Kontext gerissene Antwort auf eine nicht ausgestrahlte Frage war, die lautete: “Was würden Sie tun, wenn Ihnen  per Rechtsweg das Schloss wieder zugesprochen würde?³ Ein weiterer Punkt, der in der Mediation geklärt werden konnte, war, dass Herr von Waldow nicht aus “Besitzgier³, wie ihm die polnische Partei zunächst vorwarf, handelte, auch wenn es in vereinfachter Darstellung so klingt. Wichtig war es gerade auch in diesem Fall, zwischen den Begriffen “Besitzer³ und “Eigentümer³ zu differenzieren.  Wir haben herausgearbeitet, was jeder darunter versteht. Juristisch haben wir es hier mit einer Fragestellung über Eigentum zu tun, nicht aber über Besitz. Herr von Waldow betonte während der Mediation mehrmals, dass er das Schloss nicht zurück haben wolle. Auch während der Podiumsdiskussion hat er das übrigens nie so gesagt, auch wenn Viele dies heraushörten. Vielmehr betonte er,  dass die beiden Polen Nowakowski und Olewinski die rechtmäßigen "Besitzer" des Schlosses seien, jedoch seiner Auffassung nach nicht die rechtmäßigen “Eigentümer³. Und hier befinden wir uns wieder auf der überpersönlichen, zwischenstaatlich, historisch-juristisch komplizierten Ebene.

3. Wertekonflikte ­ brachliegendes Land als “Sünde³

Von Waldow erwähnte mehrmals, wie schwer er sich damit abfinden könne, dass das ganze Land des ehemaligen Familienbesitzes “brach läge³. Er wollte schon Anfang der neunziger Jahre dort eine Fabrik bauen und alle 60 Arbeitslosen des Dorfes Mierzecin dort einstellen. Er reichte einen Antrag bei der polnischen Regierung ein und wollte sich vertraglich zu der Beschaffung dieser Arbeitsplätze verpflichten. Der Antrag wurde abgelehnt. Von Waldow hätte das Land auch gekauft, aber das durfte er als Deutscher nicht. Dies habe er als “Diskriminierung³ empfunden. Illegale Wege über Strohmänner widersprächen seinem Rechtsempfinden. Ich möchte das hier nicht weiter vertiefen, nur als Anregung: Ich denke, um solche Pläne von Waldows einordnen zu können, ist es hilfreich, Ethos und Wertvorstellungen des Preußischen Landadels zu kennen (dass ich zufällig in letzter Zeit Fontane gelesen hatte, kam mir hier entgegen). Wertekonflikte wie dieser lassen sich nicht durch eine Mediation lösen. Aber es besteht immerhin die Möglichkeit, die Werte des anderen, und das, was dahinter steht,  kennen zu lernen und zu verstehen. Immer wieder betonte von Waldow, dass es ihm um “Gerechtigkeit³, “Klärung³ und auch “Heilung³ gehe. Sicherlich, es kam dabei auch zutage, dass es sehr unterschiedliche Auffassungen von Gerechtigkeit gibt. Auch wenn von Waldows Äußerungen teilweise ungeheuerlich und widersprüchlich klingen, ja selbst wenn uns die Haare dabei zu Berge stehen, so denke ich, dass es sich dennoch lohnt, auch dieser Randgruppe in Ruhe zuzuhören. Genügt es denn wirklich, alles nur aus historisch-politischer Perspektive zu betrachten und verstehen zu wollen? Die Psyche des Menschen ist nicht allein über intellektuelle Betrachtungen zugänglich. Hinzuhören, um zu erfahren, worin die wahren Interessen und Motive dieser Menschen liegen, ermöglicht neue Blickweisen. “Besitzgier³ als Motiv scheint dabei zu einfach. Ich denke, wenn die polnische Seite  heraushören könnte, welche Traumata auch  hinter den ewiggestrigen Forderungen steckt, könnte sie auch differenzierter damit umgehen. Es wäre wichtig, wenn die Medien einen Teil dazu beitragen könnten, jenseits einer Berichterstattung, die Ängste und Hass noch weiter schürt. 25.3.2005

- Die Autorin ist Mitglied des Viarina-Doktorandenkollegs “Interkulturelle Mediation in der Grenzregion³. Reaktionen bitte an: gundulahiller@gmx.de

- Die Ergebnisse der Umfrage während der Abschlussveranstaltung von Terra Transoderana sowie Fotos finden Sie unter www.instytut.net

- Die Mediation danach: slubice.de/texte/050208.html